12/1 | REZENSIONEN | 01.12.2021

Doppelte Gewalt

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Von Tobias Boos

Rita Laura Segato
Wider die Grausamkeit
Für einen feministischen und dekolonialen Weg
Aus dem Spanischen von Sandra Schmidt
Mandelbaum, 2021, 203 Seiten
EUR 17,00 (AT), EUR 17,00 (DE), CHF 24,50 (CH)


Der Mandelbaum Verlag hat mit Wider die Grausamkeit vier Vorträge von Rita Segato ins Deutsche übersetzen lassen. Endlich, möchte man sagen. Denn die argentinische Anthropologin zählt seit einigen Jahren »zu den wichtigsten Denkerinnen in Lateinamerika«, wie Katja Maurer im Vorwort anmerkt. Das Denken Segatos ist auch ein zentraler Referenzpunkt der neuen feministischen Bewegungen in der Region, etwa von Ni una menos (»Keine einzige weniger«). Trotzdem suchte man Übersetzungen von Segatos Texten im deutschsprachigen Raum bisher vergebens.

Anfangs fragt man sich, warum der Verlag statt eines ihrer Hauptwerke eine Vorlesungsreihe veröffentlicht hat. Doch handelt es sich hierbei um eine kluge Entscheidung: Mittels der Vorträge liefert Segato eine Kurzeinführung in ihr Gesamtwerk und zeichnet die eigenen Forschungsstationen nach. Die Thesen der Anthropologin zu geschlechterspezifischer Gewalt, der Verschränkung von Patriarchat und Kolonialismus oder der Rolle von kritischer Wissenschaft werden so kontextualisiert. Und diese Thesen sind durchaus kontrovers. 

Für Segato ist die Vergewaltigung ein doppelter kommunikativer Akt innerhalb einer symbolischen Ökonomie: Der Vergewaltiger treibe einen »Tribut« von jenen Positionen ein, die als weiblich gekennzeichnet sind. Gleichzeitig kommuniziere er über seine Taten mit seiner »männlichen Bruderschaft«. Diese verlange, dass die eigene Männlichkeit zur Statusbestimmung unter Beweis gestellt wird. Für Segato wird der Vergewaltiger so zum »Moralapostel«, der die symbolische Ordnung einer Geschlechterhierarchie immer wieder aufs Neue herstellt. 

Eine analoge Logik sieht sie bei Frauenmorden am Werk: Ausgehend von ihren Beobachtungen in Ciudad Juárez stellt sie die These auf, dass die Körper der Frauen in der berüchtigten mexikanischen Grenzstadt »eine Art Tafel [sind], auf der die Macht schreibt«. Die Schändungen der Körper werden zu einem kommunikativen Akt, der über die Tötung hinausgehe. Die dortige Mafia schreibe in die Körper der Frauen »ihre Insignien der territorialen Souveränität und der Kontrolle über die Justiz« ein.

Die Interpretationen Segatos sind so schockierend wie relevant. Sie machen die Grausamkeit auch hiesiger Femizide analysierbar. Denn Segato fragt konsequent nach den gesellschaftlichen Strukturen, deren intrinsischer Bestandteil geschlechterspezifische und rassistische Gewalt ist. Darüber hinaus bewahrt sie ihre historische Perspektive ausgehend von Aníbal Quijanos Konzept der »Kolonialität der Macht« davor, in eine rein summarische Auflistung von Unterdrückungsverhältnissen zu verfallen. Dass die Übertragung ihrer Thesen auch in andere Kontexte möglich wird, liegt nicht zuletzt am ergänzenden Glossar und den Anmerkungen der Übersetzerin, die Begriffe wie raza oder pueblo hervorragend kontextualisieren. 

Skeptischer darf man im Hinblick auf die von Segato vorgeschlagenen emanzipatorischen Strategien der Subversion und Dekonstruktion sein. Der Vorschlag verhält sich zwar kohärent zu ihrer These, dass die Ausdehnung des Staates – Segato meint hier explizit auch den »wohlintendierten« Sozialstaat – immer mit der Ausweitung der Gewalt gegen Frauen einhergeht: Für Segato ist der Staat der Träger und die geschichtliche Institutionalisierung der »männlichen Kooperation«. Gleichzeitig fragt man sich aber, wie die genannten Strategien angesichts der von Segato trefflich beschriebenen brutalen Gewalt gegenüber Frauen und der Verachtung des Lebens bestehen können.