N6° | REZENSIONEN | 01.06.2021

Schachmatt gesetzt vom Verdrängten

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Von Johannes Kaminski



Fang Fang

Weiches Begräbnis

Aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann

Hoffmann und Campe, 2021, 448 Seiten 

EUR 26,80 (AT), 26,00 (DE), CHF 36,50 (CH)


Während die Aufarbeitung und Revision der Zeitgeschichte in liberalen Demokratien zum Kerngeschäft literarischer Autoren gehört, hängt die Möglichkeit zu vergleichbaren Unternehmungen in der Volksrepublik China stark vom politischen Klima ab. Wie schnell sich die Grenzen des Sagbaren ändern, beweist das rasche Verglühen von Fang Fangs Erfolgsroman Weiches Begräbnis, der 2016 noch im staatlichen Literaturverlag People’s Press publiziert wurde. Auf das Lob der Kritik folgte eine Welle nationalistischer Empörung und schließlich die Entfernung des Titels aus dem Handel. Nun ist Fang Fangs kraftvoller Beitrag zur chinesischen Vergangenheitsbewältigung in der tadellosen deutschen Übersetzung von Michael Kahn-Ackermann erschienen.

Im Zentrum von Weiches Begräbnis steht der staatlich verordnete Erinnerungsverlust, dem die schwierigen Kapitel der jüngeren chinesischen Geschichte zum Opfer fallen. Während sich die »Narbenliteratur« der 1980er mit den Gräueln der Kulturrevolution befasste, geht Fang Fang in die Fünfzigerjahre zurück und rührt an einem der Gründungsmythen der Volksrepublik: der triumphalen Landreform nach 1949. Der Roman schickt Qinglin, einen glatten Karrieristen der Gegenwart, auf eine Erkundungstour seiner haarsträubenden Familiengeschichte. Qinglin entdeckt, dass seine Mutter die einzige Überlebende einer Großgrundbesitzerfamilie ist, die im Zuge der Revolution ausgelöscht wurde. Nachdem die damals frisch verheiratete Aristokratin die Ermordung ihrer Eltern und den verzweifelten Selbstmord ihrer Schwiegereltern mitansehen musste, stürzte sie sich in einen reißenden Fluss, wurde geborgen – und erwachte als erinnerungsloses Subjekt.


WÖRTER: 453

LESEZEIT : 3 MINUTEN

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