N°6REZENSIONEN | 27.05.20

Schwefel, Federn, Donald Trump

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Von Jana Volkmann

Hexen
Die unbesiegte Macht der Frauen
Aus dem Französischen von Birgit Althaler
Edition Nautilus, 2020, 288 Seiten
EUR 20,60 (AT), EUR 20 (DE), CHF 26,90 (CH)

Sie ist unverheiratet und nicht mehr ganz jung. Ihr Lachen ist schamlos und laut. Sie kann Sachen, die entweder sehr gut oder sehr böse sind. Sie ist niemandem unterworfen, schon gar keinem Mann. Eigentlich gibt es keinen Grund, Hexen nicht zu verehren, wäre da nicht die Angst der Herrschenden (lies: der Männer mit Macht) vor weiblicher Selbstbestimmung. Die Schweizer Journalistin Mona Chollet (unter anderem Le Monde diplomatique, Charlie Hebdo) untersucht die institutionelle Gewalt, mit der Frauen seit dem Mittelalter zu kämpfen haben, wenn sie es wagen, den Gehorsam zu verweigern. Die Geschichte der Hexenverfolgung ist oft trivialisiert worden, Mona Chollet zeigt sie in ihrer ganzen Grausamkeit. Dabei stehen ihre historischen Beobachtungen in direktem Zusammenhang mit gegenwärtigen Verhältnissen: Altersdiskriminierung gegen Frauen, Beruf und Sorgearbeit, Körper und Geist, Schönheit und Krankheit, die Ausbeutung der Natur und der Menschen.

Chollet knüpft an Tropen an, die heute einen festen Stand in der Popkultur haben, etwa die alleinstehende Frau, »für die die Katze unerfüllte emotionale Bedürfnisse abdecken soll«. Die Katze war stets ein Hexen-Attribut, schon im Malleus maleficarum (dem berüchtigten Hexenhammer) gibt es Geschichten über das Lieblingshaustier unabhängiger Frauen. Ein Beispiel dafür, dass die Stereotype, mit denen alleinstehende, selbstständige Frauen diskreditiert werden, fortwirken und höchstens ihre Form verändern. Kleine Randnotiz: Per Papstdekret wurden ab 1484 vermeintliche Hexen gemeinsam mit ihren Katzen verbrannt. 

Hexen hilft zu verstehen, welche Art von Misogynie etwa am Werk ist, wenn Hilary Clinton als Hexe bezeichnet wird. Außerdem beschreibt Chollet, wie jüngere feministische Protestbewegungen die Hexen-Attribute für sich vereinnahmen und neu besetzen. Zum Beispiel WITCH, die 2017 vor dem Trump Tower lautstark den Rücktritt des Präsidenten forderten – und möglichst alle sollten »einen schwarzen Faden, Schwefel, Federn, Salz, eine orangefarbene oder weiße Kerze oder ein unvorteilhaftes Foto von Donald Trump« dabeihaben. Chollets Zugriff auf ihr Thema ist umfangreich und gut recherchiert: Die Geschichte der Hexerei ist eine Geschichte des Feminismus, sie hängt immanent mit dem Kampf um Frauenrechte zusammen. Auch der Mutterschaft sind Kapitel gewidmet – etwa den Hindernissen, wenn es darum geht, Familie und Schriftstellerei zu verbinden. Die Frage, ob Baby oder Buch der Vorzug gegeben wird, wird männlichen Autoren jedenfalls selten gestellt. Die Hexe als »Anti-Mutter« hat Rollenbilder wie das der Frau als einzig zur Sorgearbeit abbestelltes Familienmitglied bereits zu einer Zeit unterwandert, als Frauen in künstlerischen Berufen noch schlicht unvorstellbar waren. Dabei hatten Frauen im Mittelalter (und in Europa) durchaus Zugang zu vielen Berufen, der ihnen später erst – und umso vehementer – verwehrt wurde. Eine wissenschaftlich fundiertere Studie über die Hexenverfolgung im Zusammenhang mit dem entstehenden Kapitalismus hat Silvia Federici verfasst: Caliban und die Hexe (Mandelbaum Verlag). Chollet nimmt in ihrer Abhandlung immer wieder Bezug auf die marxistische Philosophin und ihr Standardwerk. Mona Chollet

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