N6° | REZENSIONEN | 01.06.2021

Verkettete Warenproduktion

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Von Trautl Brandstaller



Karin Fischer, Cornelia Staritz und Christian Reiner (Hg.)

Globale Warenketten und ungleiche Entwicklung

Arbeit, Kapital, Konsum, Natur 

Mandelbaum, 2021, 422 Seiten

EUR 25,00 (AT), EUR 25,00 (DE), CHF 35,90 (CH)


Die Corona-Pandemie hat die Realitäten der Globalisierung auch in der Warenproduktion deutlich sichtbar gemacht – Masken, Schutzanzüge, aber auch Mikrochips mussten aus China herangeschafft werden, da sie niemand in Europa in ausreichendem Maß produzierte. Globale Warenketten und ungleiche Entwicklung erscheint also zum richtigen Zeitpunkt. Lange Jahre hieß es ja, Globalisierung sei der Weg zum globalen Wohlstand, über den Trickle-down-Effekt würden auch die Armen langfristig von der wachsenden Verflechtung der Waren- und Dienstleistungsketten profitieren. Diesen Mythos widerlegt das Buch.

Ausgehend von den Anfängen der globalen Güter- und Dienstleistungsketten, die mit der Kolonialisierung weiter Teile Asiens und Afrikas zusammenfallen, untersuchen die Beiträge die Rolle transnationaler Konzerne bei der in den letzten dreißig Jahren intensivierten internationalen Arbeitsteilung. Es sind diese transnationalen Konzerne, die als Leitunternehmen entscheiden, was, wann, wo und wie viel produziert und geliefert wird. Am Beispiel der Computerindustrie wird die neue Fragmentierung der Produktionsketten am klarsten analysiert: In den USA findet die Forschung statt, ebenso Design und Marketing. Es gibt dort aber keine Produktionsstätten; die Rohstoffe stammen aus Chile, Sambia, Peru und Kongo, die Detailprodukte (wie Sensoren oder Beschleunigungsmesser) aus Japan, Taiwan und Korea. Die Verteilung der Wertschöpfung (berechnet aus Bruttogewinnen und Lohnsummen) illustriert das extreme Ausmaß der Ungleichheit – in den USA bleiben rund siebzig Prozent der Rendite.

Geringe Verbesserungen zeigen sich vor allem im asiatischen Raum, weniger in Afrika. Waren die Produktionsstätten im globalen Süden zunächst nur »verlängerte Werkbänke«, so wurde in manchen Ländern ein Upgrading der lokalen Ökonomie erreicht (im Sinne einer erhöhten fachlichen Kompetenz der Arbeitenden, besserer Arbeitsplätze und höherer Löhne). China kann hier als Musterbeispiel gelten.

Der spannendste Teil des Bandes, zu dem 33 Autoren und Autorinnen Beiträge lieferten, versucht, Alternativen zur derzeitigen Entwicklung aufzuzeigen. Neben Initiativen zur Festlegung sozialer und ökologischer Standards wurden in den letzten Jahren Schritte zur De-Globalisierung gefordert. Dem Band gelingt eine Konkretisierung einer solchen Politik. So finden sich Forderungen nach einem strategischen Protektionismus für die Unternehmen und Märkte des globalen Südens. Das bedeutet eine Aufhebung des Freihandelsdogmas, eine Verkürzung der globalen Warenketten, eine stärkere Regionalisierung und Lokalisierung der Wirtschaft auch im Norden, damit einen geringeren Energieverbrauch und eine neue Industriepolitik, die einen Beitrag zur sozial-ökologischen Transformation leistet. Aber natürlich geht dies nicht ohne eine verstärkte Zusammenarbeit der Gewerkschaften im globalen Norden und im globalen Süden. Schließlich erfordert das alles auch eine radikale Änderung des westlichen Hyperkonsumismus und der »imperialen Lebensweise«.

Die Autoren sind nicht allzu optimistisch, dass es in Kürze zu einem solchen politischen Kurswechsel kommt, da im globalen Norden noch immer das Wachstumsparadigma und der Techno-Optimismus dominieren. Aber sie hoffen, dass steigende zivilgesellschaftliche Initiativen von unten den Druck erhöhen und eine Transformation erzwingen. Vielleicht können die Folgen der Corona-Krise diesen Prozess beschleunigen.