N°3REZENSIONEN | 01.03.21

Warten auf den Schrumpfkopf

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VON JOHANNES KAMINSKI

Jan Koneffke
Die Tsantsa-Memoiren
Galiani Berlin, 2020, 560 Seiten
24,00 EUR (AT), 24,00 (DE), CHF 33,90 (CH)


Wie kann ein Autor einer Erzählerfigur gerecht werden, die menschliche Maßstäbe sprengt? Diese Frage stellt sich in Jan Koneffkes Die Tsantsa-Memoiren, welche die Geschichte der Neuzeit Revue passieren lassen – durch die Augen eines Schrumpfkopfs. Dass sich mit ungewöhnlichen Perspektiven die Welt aus den Angeln heben lässt, haben uns die Meistererzählerinnen der Gegenwart vorgeführt: Man denke an das Embryo aus Ian McEwans Nussschale, die hundertjährige Eiche in Ursula Le Guins Erzählung Wegrichtung. Orhan Pamuk macht in Rot ist mein Name die titelspendende Farbe zur Erzählinstanz, James Hannaham sogar die Droge Crack (Delicious Foods). Koneffkes voluminöser Roman bereichert diese Liste um eine Figur, die verspricht, menschliche und nichtmenschliche Akteure in einem neuen Beziehungsgeflecht zu verbinden. Schrumpfköpfe faszinieren, stoßen ab, machen traurig. Einst von feindlichen Kriegern in Südamerika angefertigt und später ein beliebtes Objekt anthropologischen Sammelns, am Ende sogar in den Konzentrationslagern des 20. Jahrhunderts zu finden, dokumentieren sie die Raubkulturen des europäischen Imperialismus wie kein anderes Schaustück und stellen damit Museumskuratoren vor schwerwiegende ethische Probleme. 

Koneffkes Erzähler ist ein Bamberger Ausreißer, den es um 1700 nach Südamerika verschlug, wo ihn kein El Dorado, sondern die erzwungene Unsterblichkeit erwartete. Nach dortiger Sitte vom Rumpf abgetrennt, entkernt und im Wasserbad zubereitet, tritt er eine ungewöhnliche Reise durch die Zeitläufte an. Der Zufall spielt ihn in die Hände unterschiedlicher Besitzer, angefangen vom grausamen Kolonialherren Don Francisco bis zum sadistischen SS-Offizier Lothar von Lohenfeld-Meyen-
bug. Lichtblicke sind die Aufenthalte bei einem britischen Lebemann in Neapel, wilde Bohème-Nächte in Paris sowie das Wien der Jahrhundertwende, gespickt mit Liebelei, Dialektausdrücken und Psychoanalyse. Diese Episoden wirken so kunstlos aneinandergereiht wie die Schausammlung Franz Ferdinands im Wiener Weltmuseum: ohne Interesse für geheime Verbindungslinien, ohne Anteilnahme für die brüchigen Welten, die das lange Leben eines Exponats durch sein präpariertes Sein zusammenführt. Stattdessen geht die Universalschau ungehemmt in die Breite, Exponat für Exponat – oder eben Kapitel für Kapitel. Dennoch bleibt das Personal angeteasert und provisorisch. 


WÖRTER: 445

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