Gift des Nationalismus

von Peter Haumer

414 wörter
~2 minuten
Gift des Nationalismus
Omer Bartov
Anatomie eines Genozids Vom Leben und Sterben einer Stadt namens Buczacz
Jüdischer Verlag, 2021, 486 Seiten
EUR 28,80 (AT), EUR 28,00 (DE), CHF 38,90 (CH)

Erzähl mir von deiner Kindheit« – so beginnt eine atemberaubende Reise durch die Geschichte. Am Beispiel von Buczacz, dem Heimatort seiner Mutter, zeigt der 1954 in Israel geborene Historiker Omer Bartov, wie über lange Zeit geschürte Vorurteile, Ressentiments und nationalistischer Hass den Boden für den Genozid an der lokalen jüdischen Bevölkerung bereiteten. Ausgehend von einem Gespräch Mitte der 1990er Jahre mit der Mutter in Tel Aviv kurz vor ihrem Tod, beginnt er Recherchen, die ihn mehr als 20 Jahre lang durch unzählige Archive führen sollten. Jahrhundertelang haben in der Provinzstadt Buczacz am östlichen Rand des Habsburgerreiches, die heute in der Ukraine liegt, Polen, Ukrainerinnen und Juden zusammengelebt. Als die polnische und die ukrainische Nationalbewegung sich gegen die imperialen Mächte auflehnten, gerieten die Juden und Jüdinnen zwischen alle Fronten. Und nach dem Ersten Weltkrieg wurden sie zu Leidtragenden einer gescheiterten Minderheitenpolitik.

Im Ersten Weltkrieg erwies sich der Nationalismus der bisher »Zuspät- und Zukurzgekommenen« als ein treffliches Mittel in der Mobilisierung gegen den jeweiligen Gegner. Wie bekannt brachen die vormodernen multiethnischen Reichsgebilde des Zarenimperiums und der Donaumonarchie bei Kriegsende auseinander und eine Vielzahl neuer Staaten entstand. Doch die Probleme, die der politische Nationalismus bei der Schaffung einer staatlichen Ordnung für alle Bewohner der neuen Länder aufwarf, blieben ungelöst. Die nationale Selbstbestimmung der einen erwies sich als nationale Unterdrückung der anderen. 

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