Versunkene Städte

von Rosa Lyster

Illustration: Aelfleda Clackson

Während viele Menschen in Louisiana ihre Häuser nach zahlreichen Hurrikans und Hochwassern wiederaufbauen müssen, versinken ganze Ortschaften im Golf von Mexiko.


3173 wörter
~13 minuten

Baupläne von Häusern enthalten oft die Weisung, »entsprechend dem bereits Vorhandenen zu bauen«. Das Neue soll also genau so aussehen wie das, was es schon gibt – oder gab. Wie die bereits vorhandenen Küchenschränke, die alten Dielen; oder so, wie Dachstuhl und Mauern aussahen, ehe Hurrikan Laura sie zerstört hat. Mach’s wieder genau so, wenn sechs Wochen später der nächste Sturm, Delta, auf Land trifft, das Dach vom Haus hebt wie einen Deckel vom Suppentopf und einen Baum durch die Küchenwand stößt. Und in sieben Monaten gleich nochmal, während der Bürgermeister im Fernsehen den Regen als Jahrhundertflut betitelt – gut 45 Zentimeter innerhalb von zwei Stunden. Vorausgesetzt, die Versicherung spielt mit: Bau alles wieder genau so, wenn einen Monat später die nächste Überschwemmung einsetzt.

Von dieser Praxis habe ich in Lake Charles im US-Bundesstaat Louisiana erfahren, wo mir die Architektin Jolee Bonneval von ihrem Arbeitsalltag berichtete. Das 80.000-Einwohner-Städtchen liegt sechs Zugstunden von New Orleans entfernt im Südwesten Louisianas. Mit dem Auto wäre ich schneller gewesen, aber durchs Zugfenster bekommt man einen besseren Eindruck der schieren Wassermassen, die sich durch die Landschaft wälzen: Neben dem Mississippi gibt es den Fluss Atchafalaya, später kommt der Calcasieu, ehe man schließlich zu den Bayous genannten Stillgewässern gelangt; und dann sind da noch die namenlosen kleinen Bäche und all die überfluteten Felder. Die Regenwolken am Himmel spiegeln sich in den vielen Wasserflächen. An Lake Charles selbst grenzen ein Fluss, zwei Seen, drei Bayous und ein Schifffahrtskanal mit direkter Verbindung zum Golf von Mexiko.

Mir war zu diesem Zeitpunkt nicht klar, dass eine solche Nähe zum Wasser nicht automatisch bedeutet, dass man einfach überall schwimmen gehen kann. Wir könnten doch kurz ins Wasser springen, schlug ich Jolee an meinem ersten Abend in der Stadt vor. Sie fuhr mich gerade am Ufer des Lake Prien entlang. Das Wasser war trüb, die Oberfläche erstrahlte im Licht einer nahegelegenen Raffinerie. Angesichts der sengenden Hitze schien mir ein Sprung ins Wasser trotzdem keine schlechte Idee. Dass es im südwestlichen Louisiana im Sommer ungeheuer heiß wird, braucht man niemandem erklären. Es fühlte sich an, als hätte man sich den Kopf an einem Blechdach angehauen: In den Augenwinkeln pochte es, und alle paar Minuten nahm ich das Telefon heraus, um zu ermitteln, ob man bei der Hitze noch realistische Überlebenschancen hat. Bitte, nur kurz ins Wasser. Jolee schaute mich entgeistert an: »Sowas macht man hier nicht.«

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