Von Schwurblern lernen

von Benjamin Opratko

Illustration: Aelfleda Clackson

Die Proteste gegen Corona-Schutzmaßnahmen stellen die größte und erfolgreichste soziale Bewegung der letzten Jahrzehnte dar. Was sagt uns das über die Gesellschaft, in der wir leben?


2720 wörter
~11 minuten

Der Wissenschaftsphilosoph Andrew Collier machte sich Ende des letzten Jahrhunderts Gedanken darüber, wie wir belastbares Wissen über die Welt, in der wir leben, hervorbringen können. Zu seinen pfiffigen Formulierungen gehörte dabei jene vom »methodologischen Primat des Pathologischen«. Zu normalen Zeiten, so Collier, funktionieren die Mechanismen von Natur und Gesellschaft weitgehend verdeckt und unbemerkt. Für die wissenschaftliche Beobachterin sind deshalb Ausnahmesituationen von besonderer Bedeutung. Wenn uns die Decke auf den Kopf fällt, erschließt sich das Prinzip der Schwerkraft leichter. Für Sigmund Freud bot die Untersuchung psychischer Störungen Einblick in die grundlegenden Mechanismen des Geistes. Der Fokus auf das Pathologische, die Krankheit und ihren zugespitzten Verlauf – auf die Krise – erlaubt uns, den Normalzustand komplexer Systeme besser zu verstehen.

Diese grundlegende Erkenntnis wird hinsichtlich der Corona-Krise vor allem von Linken vielfach vertreten – und häufig banalisiert. Die Krise ist dann wahlweise »Brennglas«, »Lupe« oder »Schlaglicht« und »macht sichtbar«, was schon lange im Argen lag, aber zu wenig Beachtung fand: prekäre Wohn- und Arbeitsverhältnisse, rassistische Ausgrenzung, Geschlechterungleichheit im Haushalt, schlecht ausgestattete Gesundheits- und überforderte Bildungseinrichtungen, Abhängigkeit von globalen Lieferketten und so weiter und so fort. Nichts davon ist falsch. Der linke Grundtenor ist aber häufig eine seltsame Mischung aus Radikalkritik und Konservatismus. Radikal besteht sie darauf, dass die Normalität, die vor der Pandemie geherrscht hatte, für viele Menschen eine schlechte war – oder gar nicht als normal wahrgenommen wurde. Konservativ jedoch ist sie im Ziel ihrer Kritik, nämlich an den schon vor Corona existierenden, in der Krise in Augenschein getretenen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten. Es ist doch bemerkenswert, dass linke Kritik überwiegend dem gilt, was schon lange besteht, und weniger dem Neuen, das mit der Corona-Krise in die Welt gelangt. Die Kritik am Neuen, den im Zuge der Pandemie aufgetretenen Veränderungen in Politik, Gesellschaft und Alltag, wird anderswo artikuliert. Und zwar von den Leugnerinnen und Verharmlosern der Pandemie, die praktisch überall in Europa seit bald zwei Jahren zu Protesten mobilisieren und zu einer sozialen Bewegung gewachsen sind. Nicht selten werden sie selbst zur Pathologie erklärt, als Versammlungen von Spinnern und Schwurblern, eingesammelt von rechtsextremen Agitatoren.

Zug nach rechts außen

Zur politischen Zusammensetzung der Proteste gegen die Corona-Schutzmaßnahmen wurde viel gesagt und geschrieben. Wir wissen, dass gerade in Österreich organisierte Rechtsextreme von Herbert Kickl bis Gottfried Küssel darin führende Rollen eingenommen haben. Ein Bericht der Forschungswerkstatt Corona-Proteste, in der Forscherinnen und Forscher der Universität Wien und der Sigmund-Freud-Privatuniversität zusammenarbeiten, attestiert den Protesten einen »sehr starken Zug nach rechts außen«. Unter den befragten Protestteilnehmerinnen und -teilnehmern kämen FPÖ und die neue rechte Impfgegner-Partei MFG (»Menschen, Freiheit, Grundrechte«) bei Nationalratswahlen zusammen auf 90 Prozent. Nicht anders denn als Pathologie lassen sich zudem viele der auf den Demos zur Schau gestellten Sprüche, Schilder und Outfits lesen. Seit Beginn der Mobilisierungen, also seit Frühjahr 2020, vermischte sich die Ablehnung konkreter Corona-Schutzmaßnahmen mit scheinbar willkürlich gewählten Themen wie dem Ausbau des Mobilfunk-Protokolls 5G, bargeldlosem Zahlungsverkehr oder »Roboter-Intelligenz«. Immerhin ein Viertel der im Rahmen der Forschungswerkstatt Befragten waren der Überzeugung, dass die Regierung den Menschen mit der Impfung Mikrochips implantieren würde, um sie noch besser überwachen zu können. Zusammengehalten wird das alles von Verschwörungserzählungen, in denen geheime Strippenzieher einen globalen »Great Reset« der Weltordnung durchführen. Kein Wunder, dass in den einschlägigen Telegram-Gruppen (über die in TAGEBUCH NO 5/2021 ausführlich berichtet wurde) jedes Ereignis, vom Wetterumschwung bis zum Ukraine-Krieg, stets in die ebenso erratisch wie detailverliebt zusammengebastelten Welterklärungen eingefügt wird. Dass ihre Mobilisierungskraft inzwischen nachgelassen hat, macht die Proteste nicht unbedeutend. Im Rückblick müssen sie als eine der größten und erfolgreichsten sozialen Bewegungen der letzten Jahrzehnte in Österreich bewertet werden. Diese hat zeitweise im Wochentakt mehrere Zehntausend Menschen auf die Straßen Wiens und vieler Mittel- und Kleinstädte gebracht, fallweise Demonstrationsverboten mit Mitteln des zivilen Ungehorsams trotzend. Sie kann konkrete politische Erfolge für sich verbuchen, etwa die Absage der geplanten generellen Impfpflicht. Den Autorinnen und Autoren des Corona-Protest-Reports fällt vor allem »die starke Mobilisierung von Personen, die zuvor kaum oder noch nie an Demonstrationen teilgenommen haben«, auf. Wie viele Linke wissen, kann die neue Erfahrung, Teil einer Massenbewegung zu sein, anhaltende biografische Bedeutung haben, Weltbilder prägen, soziale Zusammenhänge stiften. All das scheint bei den Protesten gegen die Corona-Schutzmaßnahmen der Fall zu sein.

Fenomeni morbosi

Es geht freilich nicht darum, diese Protestbewegungen zu rehabilitieren oder ihren Anliegen einen rationalen Kern zuzugestehen. Im Gegenteil: Sie sind durch und durch pathologisch. Jedoch im politischen, nicht im klinischen Sinne. Sie können als Beispiel dafür verstanden werden, was Antonio Gramsci Ende der 1920er Jahre »fenomeni morbosi« genannt hat: soziale Krankheitserscheinungen in Zeiten tiefer gesellschaftlicher Krisen. Wenn nicht nur die Corona-Pandemie selbst, sondern auch deren politischen Verarbeitungsformen, zu denen die Protestbewegungen zweifellos gehören, Pathologien im Sinne Andrew Colliers sind – was sagen sie uns dann über die Gesellschaft, in der wir leben? Auf grundlegende Weise handelt es sich bei den Protesten um Ausdrucksformen von Ablehnungskulturen im Sinne einer »Alltagskultur, die den Autoritäten die Gefolgschaft aufkündigt«, so beschrieb ich es im Sommer vor zwei Jahren (TAGEBUCH NO 7/8/2020). Medien, Politik und Experten werden zu Objekten der Ablehnung. In den Protesten bricht sich Bahn, »was seit Jahren in unseren Gesellschaften als Alltagsideologie schwelt: die Ablösung ganzer Gesellschaftsschichten von den bislang das Soziale ordnenden, Orientierung bietenden Institutionen und Erzählungen«, wie es im damaligen Artikel hieß. Jedoch – dies mag man als Erweiterung des Arguments oder als Selbstkritik lesen – birgt diese Darstellung die Gefahr, abermals nur die Kontinuitäten hervorzuheben und das Neue zu vernachlässigen. Bei aller Gewöhnung an die neue pandemische Normalität ist es doch eine Tatsache, dass die Corona-Krise für große Teile der Menschheit, jedenfalls für jene im globalen Norden, die bislang tiefste biografische Erschütterung zu Lebzeiten darstellt. Nicht so sehr das Virus und die von ihm ausgelöste Erkrankung als vielmehr die Maßnahmen, die Staaten gesetzt haben, um die Virusverbreitung einzuschränken, haben eine beispiellose Krise im globalen Maßstab verursacht. »Nie zuvor«, fasst der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze zu Beginn seines 2021 erschienenen Buches Shutdown zusammen, »hatte es eine kollektive Entscheidung gegeben, wie zufällig und ungleichmäßig sie auch ausfallen mochte, große Teile der Weltwirtschaft stillzulegen.« Beispiellos war und ist die tiefe Disruption des Alltags durch diverse Lockdown- und Distanzierungsmaßnahmen, durch Isolierungs- und Quarantänepflicht, ganz zu schweigen von den Folgen der Krankheit selbst für Betroffene und Angehörige. Was das Ereignis Corona-Krise so einzigartig macht, ist darüber hinaus sein wahrhaft globaler Charakter. Die Covid-19-Pandemie ist die erste in einer Welt, in der die kapitalistische Produktionsweise jeden Winkel erschlossen hat und die globale Zirkulation von Waren in Flugzeug, Bahn und Schiff mit der Zirkulation von Wirten und Krankheitserregern einhergeht. Das gilt es anzuerkennen, und deshalb lohnt es sich, nochmal auf die Welt der Proteste zu schauen: Was war, was bleibt an ihnen bedeutsam? Was macht sie über die offensichtlichen Dinge hinaus interessant als Einstiegspunkt für ein Verständnis unserer Gegenwart? Was können wir von Schwurblern lernen?

Der epidemiologische Blick

Der Soziologe und Designtheoretiker Benjamin Bratton argumentiert, dass mit der Pandemie und ihrer technologischen Bearbeitung eine neue Betrachtungsweise der Gesellschaft entstanden sei. Der »epidemiologische Blick auf die Gesellschaft« widerspricht sowohl dem in liberalen Sozialtheorien kanonisierten Selbstverständnis bürgerlicher Gesellschaften als auch dem verinnerlichten Alltagsverstand ihrer Bürgerinnen und Bürger. Beide sehen Gesellschaft als Ansammlung von Individuen, die Vertragsverhältnisse eingehen. Persönliche Freiheit und staatliche Souveränität bedingen einander, individuelles Verhalten folgt den geltenden Gesetzen, aber auch ethischen Grundsätzen und kulturellen Gepflogenheiten, bleibt aber eben solches: individuelles Verhalten. Mit der Covid-19-Pandemie, so Bratton in seinem Corona-Essay Revenge of the Real, sei an die Stelle dieses Verständnisses ein Blick auf Gesellschaft als »eine Population von Ansteckungsknoten und Vektoren« getreten. Die omnipräsenten Dashboards und Visualisierungen statistischer Modelle tragen diesen Blick in den Alltag. Entscheidend sind nicht die Interaktionen von Individuen, sondern Muster von Ereignissen in einem komplexen System aus biologischen und chemischen Realitäten. »Die Pandemie«, so Bratton, »hat es leichter gemacht, uns mehr als Knoten in einem biopolitischen Netzwerk zu sehen, dem gegenüber wir verantwortlich sind, denn als autonomes Individuum, dessen Souveränität vom freien Willen oder dem symbolischen Prestige des nationalen Autokraten garantiert wird.« Bratton begrüßt diese Veränderung ausdrücklich und sieht die Durchsetzung des epidemiologischen Blicks als Voraussetzung für eine zukünftig rationalere postpandemische Gesellschaft. Die Proteste gegen Corona-Schutzmaßnahmen sind so gesehen eine Art reaktionäre Widerstandsbewegung gegen den epidemiologischen Blick. Implizit vertreten die Maßnahmengegner und -gegnerinnen eine politische Philosophie, die – wieder Bratton – »Gesellschaft nicht als von wechselseitiger Abhängigkeit geprägte biologische Gemeinschaft versteht, sondern als Ansammlung atomisierter Akteure, die sich dafür oder dagegen entscheiden können, in soziale Verhältnisse einzutreten«. Deshalb die unentwegte Emphase der Freiheit und der persönlichen Wahl: Das Tragen von Schutzmasken, die Einhaltung von Kontaktbeschränkungen, die Impfung gegen Covid-19, alles soll eigene Entscheidung sein. Der Hyperindividualismus ist ein definierendes Charakteristikum der Protestmilieus, der gemeinsame Nenner der so bunt zusammengewürfelt scheinenden Massen. Man lässt sich nichts sagen, nicht von der Regierung, nicht von Medien und auch nicht von Mitmenschen. So verarbeiten die Protestbewegten eine fundamentale narzisstische Kränkung, die im epidemiologischen Blick auf die Gesellschaft enthalten ist, nämlich dass der einzelne Mensch mit seinen Motiven und Absichten nicht im Mittelpunkt steht, sondern einzelne Ereignisse – Begegnungen, Übertragungen –, die als Datenpunkte Eingang in hochaggregierte Modellrechnungen finden und so auf das tatsächliche Infektionsgeschehen zurückwirken. Oder anders ausgedrückt: Oft werden epidemiologische Maßnahmen als willkürliche, ja idiotische Eingriffe in die individuelle Freiheit erlebt. Warum muss ich da Maske tragen und dort nicht? Warum müssen die Lokale einmal um 22 Uhr zusperren, dann um 23 Uhr? Geht das Virus etwa vor Mitternacht schlafen? Vom Standpunkt des Einzelnen mag diese Empörung plausibel sein, aber dieser Standpunkt ist aus der Perspektive des epidemiologischen Blicks nicht relevant. Das kränkt. Die Protestierenden reagieren darauf mit einem trotzigen Humanismus. Ihre heimliche Hymne, die bisweilen auch (gegen den Willen des Künstlers) bei Kundgebungen gespielt wird, ist A Mensch möcht i bleibn von Wolfgang Ambros. MFG, die erfolgreichste aus der Protestbewegung entstandene Partei des Landes, hat die »Menschen« nicht zufällig an erste Stelle gesetzt, vor »Freiheit« und »Grundrechte«. Ideologien, die den Menschen und sein individuelles Fühlen und Tun ins Zentrum rücken, sind auch deshalb auffällig stark vertreten. Anthroposophie, Neo-Hippietum, die spontane Philosophie des Heimwerkers: Am besten alles selber machen. Selber denken, selber recherchieren, geleitet vom integren DIY-Ethos. Tim Allen der Heimwerkerkönig ist übrigens auch der Meinung, dass wir das Corona-Thema jetzt endlich mal hinter uns lassen sollten.

Das Primat der eigenen Anschauung

Erwartungsgemäß meinen über 70 Prozent der von der Forschungswerkstatt befragten Corona-Protestteilnehmerinnen und -teilnehmer, dass die Lösung der Corona-Krise am ehesten im »eigenen Verhalten« zu suchen sei. Auf den ersten Blick überraschen mag hingegen, dass »der Wissenschaft« dabei ebenfalls recht viel Vertrauen entgegengebracht wird. Sind die Proteste denn nicht gerade von Wissenschaftsfeindlichkeit und Faktenresistenz durchdrungen? Sind es nicht Vertreterinnen und Vertreter der Wissenschaft, die ihnen besonders verhasst sind, von Christian Drosten über Dorothee van Laer bis Anthony Fauci? Tatsächlich ist die Charakterisierung der Proteste als wissenschaftsfeindlich irreführend. Ja, bestimmte naturwissenschaftlich tätige Personen und Institutionen werden von Corona-Verharmlosern und -Leugnerinnen vehement abgelehnt. Zumeist passiert das aber nicht, weil die Prinzipien der Wissenschaft per se abgelehnt würden, sondern weil ihnen unterstellt wird, schlechte Wissenschaft zu betreiben. Statt pauschal von Wissenschaftsfeindlichkeit zu sprechen, sollten wir auf drei miteinander verbundene Phänomene blicken und sie als Symptome der Pathologie der Corona-Proteste begreifen. Erstens gilt es zu verstehen, dass sie den Drostens dieser Welt vorhalten, den hohen Ansprüchen, die die exakten Wissenschaften an sich selbst stellen, nicht zu genügen. Sie seien nicht ehrlich und transparent, nicht unabhängig von ökonomischen und politischen Partikularinteressen, nicht offen zur Revision früherer Erkenntnisse – kurz, nicht wissenschaftlich genug. Es handelt sich also eher um eine naive Affirmation von Wissenschaftlichkeit als um deren Ablehnung, freilich meist ohne jede Ahnung von der Sache und ihren Methoden. Das zeigt sich auch, zweitens, in der weit verbreiteten laienhaften Aneignung wissenschaftlicher Praxen. Die einschlägigen Messenger-Gruppen, Channels und Foren der Corona-Verharmloser sind voll von wackligen Handyvideos, in denen meist Männer im Hobbykeller versuchen, wissenschaftliche »Gegenbeweise« zu fabrizieren. Dann machen sie etwa Mikroskopbilder von FFP2-Masken, um deren Schädlichkeit zu beweisen, oder teilen Nahaufnahmen von Hautausschlägen, die vom Mainstream verschwiegene Impfnebenwirkungen belegen sollen. Auch hier gilt das Primat des Selbermachens und der eigenen Anschauung über die Behauptungen der etablierten Experten. Eben diese sind, drittens, das eigentliche Ziel der Anfeindungen. Es handelt sich nicht um eine Ablehnung der Wissenschafterinnen, sondern sie werden in ihrer Rolle als Expertinnen abgelehnt.

Expertisierung der Politik

Das ist nicht dasselbe. Wenn im System Wissenschaft Erkenntnisse generiert werden, dann handelt es sich immer um mit großem Aufwand, etwa im Labor, hergestellte Artefakte. »Fakten«, so erinnert uns der US-amerikanische Wissenschaftssoziologe Gil Eyal, sind, ihrem Image als »hart« und »rein« zum Trotz, »höchst prekäre Dinge, die nur unter sorgfältig kontrollierten Bedingungen existieren können. Nur unter Laborbedingungen sind Fakten unbestritten der Fall«. Sobald sie in die reale Welt gelassen werden, verwandeln sie sich in etwas anderes: in Interpretationen, die von Rhetorik und Autorität jener abhängig sind, die sie in der Öffentlichkeit vertreten. Das ist die Aufgabe von Expertinnen und Experten. Deren Funktion besteht darin, die für sich genommen stets unvollständigen, vorläufigen und komplexen Erkenntnisse der Wissenschaft aufzubereiten und in die Gesellschaft einzuspeisen. Einerseits durch das, was heute »Wissenschaftskommunikation« genannt wird, also indem Erkenntnisse vereinfacht via Medien der Bevölkerung vorgelegt werden; andererseits indem sie politische Entscheidungsträger beraten. In beiden Fällen treffen sie in der Corona-Krise auf vehemente Kritik. Das ist keine neue Entwicklung, aber eine, die sich in der Pandemie extrem verschärft hat. Gil Eyal hat bereits Jahre vor der Pandemie eine »Krise der Expertise« diagnostiziert. Seine These: Wir haben über Jahrzehnte hinweg eine Expertisierung der Politik erlebt. Politikerinnen und Politiker versuchen, ihre jeweilige Agenda nicht als interessengeleitete Politik durchzusetzen, sondern als Umsetzung scheinbar objektiver Vorgaben von Expertinnen und Experten. Dafür werden entsprechende Beratergremien zusammengestellt, Studien in Auftrag gegeben und nahestehende Expertinnen in den Medien platziert. Diese Expertisierung der Politik geht jedoch, so Eyal, notwendigerweise mit einer Politisierung der Expertise einher. Was wir in den Protesten gegen die Corona-Schutzmaßnahmen erleben, ist, auch wenn es uns nicht gefallen mag, eine solche Politisierung der Expertise. Das sollte nicht überraschen. Schon in den 1980er Jahren forderten die Umwelt- oder die Anti-Atomkraft-Bewegung etablierte Experten heraus und entwickelten, was Ulrich Beck »Gegenexperten in der Risikogesellschaft« nannte. Wo Wissenschaft und Technik – aus gutem Grund! – ihre Neutralität abgesprochen wird, wo sie Kräfte entfesselt, die Risiken für Mensch und Natur mit sich bringen, da »öffnet sie die Tore für öffentliche Dispute, Befürchtungen, Standpunkte und Mitbestimmungen. Demokratie schleicht sich ein«, so Beck 1990 in einem Aufsatz im Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, der heute vielen Linken wohl als Schwurbelei gelten würde.

Zu den vielen entmutigenden Entwicklungen der letzten Jahre gehört, dass die Reaktion auf die hyperegoistischen und verschwörungsideologischen Corona-Proteste so ausgefallen ist, wie sie ausgefallen ist. Die Antifa machte hilflose Blockadeaktionen, weil sie die Mobilisierungen nur als Naziaufmärsche begreifen konnte. Demos gegen die gesetzliche Impfpflicht trafen auf Gegenproteste mit dem Slogan »Wir impfen euch alle!«. Auf den schlechten Humanismus der Esoteriker und Medizinheimwerkerinnen reagieren die, die hierzulande als Linke gelten, mit der Affirmation reiner Wissenschaft und fallen mit einem Schlag Jahrzehnte hinter die eigenen kritischen Wissensbestände zurück. In der Pandemie bewahrheitet sich auf neue Weise, was Ulrich Beck Ende der 1980er Jahre vielleicht etwas voreilig formulierte: Die Gesellschaft ist zum Labor geworden. Das wirft eine Reihe technischer Fragen auf, zuvorderst aber eine zutiefst politische, die für Beck lautete: »Wie wollen wir leben?« Sie gehört neu gestellt.

»Politikerinnen und Politiker versuchen, ihre jeweilige Agenda nicht als interessengeleitete Politik durchzusetzen, sondern als Umsetzung scheinbar objektiver Vorgaben von Expertinnen und Experten. Dafür werden entsprechende Beratergremien zusammengestellt, Studien in Auftrag gegeben und nahestehende Expertinnen in den Medien platziert. Diese Expertisierung der Politik geht jedoch notwendigerweise mit einer Politisierung der Expertise einher.«
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