Wenn aus Fischern Trucker werden

von Rafiqul Islam Montu

Fotos: Rafiqul Islam Montu

Fast fünf Millionen Menschen mussten in den letzten Jahren die Küstenregionen Bangladeschs aufgrund der Auswirkungen des Klimawandels verlassen. Bis zu 25 Millionen werden es in 30 Jahren sein.


1778 wörter
~8 minuten

Wir überleben, indem wir die Naturkatastrophen bekämpfen, Tag für Tag haben wir einen harten Kampf zu bestehen«, sagt die 40-jährige Nazma Begum aus dem Dorf Kalabagi an der Südwestküste Bangladeschs. Früher einmal stand das Haus der Familie auf festem Grund. Fünf Umzüge später lebt Nazma Begum in einem »hängenden Haus«. Jenseits des neuen Damms im äußersten Süden des Bezirks sieht man unzählige davon. Es sind einfache Pfahlbauten, mit Brettern verschlagene Hütten. Bei Flut scheinen sie im Wasser zu schwimmen, erst wenn die Ebbe einsetzt, sieht man, dass sie sich auf Stelzen einige Meter über der Wasseroberfläche befinden. Die Menschen, die hier leben, haben sie in Eigenregie gebaut, um sich vor den in immer kürzeren Abständen auftretenden Fluten zu schützen.

1988, 2007 und 2009 wurde Kalabagi von Zyklonen heimgesucht. Nach Aila (2009) stand das Dorfgebiet fast fünf Jahre lang unter Wasser. Seit dem letzten Zyklon Amphan (2020) sind manche der Häuser und Siedlungen von der Außenwelt völlig abgeschnitten und zu Inseln geworden. Der 50-jährige Shivpad Mandal, ein Nachbar von Nazma Begum, erinnert sich lebhaft daran, wie es in Kalabagi früher ausgesehen hat. Er erzählt von großen Bäumen in Vorgärten, reichen Ernten auf den Feldern und davon, wie er einst mit dem Auto in die Stadt gefahren ist – ein Weg, den er heute im Boot zurücklegen muss.

»Tag für Tag haben wir einen harten Kampf zu bestehen«, sagt die 40-jährige Nazma Begum aus Kalabagi.

Wie viele andere Menschen aus Kalabagi verdiente auch Shivpad Mandal seinen Lebensunterhalt in den Sundarbarns, den größten Mangrovenwäldern der Erde. Jene Dorfbewohner, die nicht vom Fischfang aus dem Shibsa lebten, gingen in den Sundurbans der Landwirtschaft nach. Heute fischen nur noch wenige Menschen im Fluss oder arbeiten in den Sundarbans. Die allermeisten sahen sich in den letzten Jahren stattdessen dazu gezwungen, auf der Suche nach Arbeit ins Ausland zu gehen.

Laut dem Global Climate Risk Index 2020 ist Bangladesch eines der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder der Erde. Forscherinnen nennen die Region »klimasensitiv«. Wirbelstürme, der Anstieg des Meeresspiegels, Sturzfluten und die Erosion von Flussufern gefährden die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen. Dem Global Report on Internal Displacement 2021 des in der Schweiz ansässigen Internal Displacement Monitoring Center (IDMC) wurden bis 2020 in Bangladesch 4.443.230 Menschen vertrieben. Fast alle von ihnen aufgrund von Naturkata­strophen.

Selbst die Weltbank schlägt mittlerweile Alarm. Deren aktualisierter Groundswell Report vom September letzten Jahres rechnet mit 216 Millionen Klimaflüchtlingen in sechs Regionen der Erde bis zum Jahr 2050 – sofern nicht umgehend notwendige Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels ergriffen werden. Allein in Südostasien geht man von 40 Millionen Klimaflüchtlingen aus, die Hälfte davon erwartet die Weltbank in Bangladesch. Bangladeschs Regierung rechnet einem aktuellen Bericht zufolge sogar damit, dass in den nächsten 30 Jahren bis zu 25 Millionen Menschen aus den Küstengebieten zwangsumgesiedelt werden müssen. Dies würde die größte Migrationsbewegung in der Geschichte der Menschheit darstellen.

Brechende Dämme

Das Bild, das sich in Kalabagi zeigt, ist beileibe kein Einzelfall. Die gesamte Küste Bangladeschs, an der über 100 Millionen Menschen leben, ist von der Klimakrise direkt betroffen. Die landwirtschaftlichen Flächen und die Vegetation gehen zurück, die Trinkwasserkrise verschärft sich, der Salzgehalt im Wasser selbst steigt, die Gebiete werden zunehmend unbewohnbar. Wirbelstürme schwächen die bestehenden Dämme immer mehr; auf Initiativen, sie zu erneuern, wartet man vergebens.

In der Nacht des 20. Mai 2020, inmitten der Corona-Pandemie, als der Zyklon Amphan auf das Dorf Sreepur traf, brach der örtliche Damm. Viele Familien erklommen in dieser Nacht gerade noch den Deich und mussten von oben auf ihre Häuser unter Wasser blicken. Das gleiche Bild bot sich in den umliegenden Dörfern.

Heute fischen nur noch wenige Menschen im Fluss. Die meisten sind auf der Suche nach Arbeit weggegangen.

Putul Rani wohnt mit ihrer fünfköpfigen Familie seit mittlerweile zwei Jahren außerhalb des Deichs – in einem strohgedeckten Ein-Zimmer-Schuppen. Die wiederkehrenden Wirbelstürme haben ihre Familie in den Ruin getrieben. »Es ist schwer geworden, die Kinder zu ernähren«, sagt die 36-Jährige. Nur ein paar Meter weiter steht das Haus von Rahima Begum. Die Naturkatastrophen haben auch sie in die Armut gestürzt – und ihrem Ehemann das Leben gekostet. Seit dem Zyklon Amphan steht ihr Ackerland unter Wasser, ihr Haus wurde weggefegt.

Seit der Militärdiktatur Hussain Muhammad Ershads (1983 bis 1990) ist Bangladesch verwaltungstechnisch in acht divisions, 64 zilas oder districts und 594 upazilas unterteilt. Die unterste Verwaltungsebene bilden die mehr als 4.500 sogenannten union parishads oder union councils, die am ehesten mit Gemeinden beziehungsweise Gemeinderäten vergleichbar sind. Der bis dato letzten Volkszählung aus dem Jahr 2011 zufolge leben allein in den drei vom Zyklon Amphan am stärksten betroffenen upazilas, Shyamnagar, Asashuni und Koyra, 779.542 Menschen.

Die nichtstaatliche Entwicklungsorganisation Local Environment Development and Agricultural Research Society (LEDARS) führte in sechs union councils in diesen drei vom Zyklon besonders betroffenen upazilas eine familienbasierte Erhebung durch. Dabei stellte sie fest, dass bis August 2020 3.822 Menschen aus dem Gebiet fliehen mussten. Menschen, die mehr als sechs Monate nach dem Zyklon nach wie vor in Schutzräumen, Schulgebäuden und auf Dämmen lebten, nicht eingerechnet. Die Einheimischen selbst gehen davon aus, dass sich die Zahl der Vertriebenen sogar auf mehr als 25.000 beläuft. Am schlimmsten ist die Situation in Pratapnagar im upazila Asashuni. Von den 18 Dörfern des union parishad Pratapnagar standen 17 mehr als zehn Monate lang unter Wasser.

Kein Geld, keine Sicherheit

Für jene Menschen, die ihr Dorf für immer verlassen müssen, ändert sich zumeist alles: die Wohnumgebung und das soziale Umfeld, die täglichen Wege und vielfach auch der Beruf. So werden aus Fischern Trucker und aus Bauern Tagelöhner. Der 45-jährige Nur Islam aus dem Dorf Kurikahunia in Pratapnagar lebte sein ganzes Leben von der Garnelenzucht. Nach dem Zyklon Amphan stand seine Garnelenfarm unter Wasser. »Kein Bauer in ganz Pratapnagar konnte sich in diesem Jahr auf die Garnelenzucht vorbereiten«, erzählt sein Nachbar Mafuar Rahman. Nachdem es für Nur Islam immer schwieriger geworden war, seiner Familie zumindest drei Mahlzeiten pro Tag zu besorgen, verkaufte er seine Kühe und bezahlte dem Besitzer der Garnelenfarm davon die ausständige Pacht. Heute ist er Bootsführer.

Der Weg jener, die in Bangladesch schon jetzt ihren Wohnort in den Küstenregionen aufgrund der extremen Wetterbedingungen verlassen müssen, ist vorgezeichnet: hinter den nächsten Deich, ins Nachbardorf, in den angrenzenden Bezirk. Am Ende landen die allermeisten in den großen Städten des Landes. Inoffiziellen Zahlen zufolge siedeln sich jedes Jahr rund eine halbe Million Klimaflüchtlinge in den Slums von Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, an. Hier leben bereits über 17 Millionen Menschen, beim Global Liveable Index 2021, der Liste der lebenswertesten Städte der Welt, belegte Dhaka den 137. Platz – von 140 Metropolen.

Einer gemeinsam von den NGOs Bangladesh Nari Sramik Kendra (BNSK) und Change Initiative (CI) durchgeführten Umfrage zufolge stammen etwa 50 Prozent der Menschen, die in den Slums von Dhaka leben, aus den für die zunehmenden Wirbelstürme besonders anfälligen Städten Barisal, Noakhali, Bhola, Khulna und Satkhira. Rund 93 Prozent dieser Menschen haben ihre Lebensgrundlage, 52 Prozent ihre Häuser verloren. Laut der Erhebung finden nur zehn Prozent dieser Menschen auf offiziellem Weg Arbeit, der Rest fristet ein Dasein unter erschreckenden Lebensbedingungen. Kein Wunder, dass rund 86 Prozent der Vertriebenen wieder in ihre Heimat zurückkehren wollen.

Inoffiziellen Zahlen zufolge siedeln sich jedes Jahr rund eine halbe Million Klimaflüchtlinge in Dhaka an.

Shahida Begum kam gemeinsam mit ihrem Ehemann Iskander Ali Mollah vor neun Jahren aus dem Dorf Naihati im upazila Rupsha in den Kalyanpur-Slum von Dhaka. Damals war sie 51 Jahre alt. »Dieser Slum ist nicht mehr bewohnbar«, sagt sie. »Wir sind hierhergekommen, um gut zu leben, nachdem es am Fluss unmöglich geworden war. Aber jetzt wollen wir nur mehr in unser Dorf zurückkehren.« Ob und wie das gehen soll, weiß Begum nicht. Es fehlt an Geld – und an Sicherheiten.

Dass es jenen, die es nach Dhaka verschlagen hat, an Perspektiven mangelt, sieht auch Zakir Hossain Khan, Direktor der Change Initiative, so: »Was wir bräuchten, das wären Strategien und gebietsbezogene Pläne«, sagt er. »Pläne, um die vulnerabelsten Teile der Bevölkerung auszubilden, ohne dabei auf ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse zu vergessen. Und es müssen – auch auf internationaler Ebene – Mittel aufgebracht werden, um die Gründung von Kleinunternehmern zu fördern.«

Verheerungen auf allen Ebenen

Anlässlich der COP26, der UN-Klimakonferenz im letzten Jahr, stellte die Regierung Bangladeschs einen Maßnahmenbericht vor. Von den im Budget für die Jahre 2021/22 für den Klimasektor vorgesehenen (und aufgrund der Pandemie später gekürzten) Mitteln für klimapolitische Maßnahmen war darin die Rede, vom Klimatreuhandfonds, den das Land eingerichtet hat, und von den 25 Ministerien, die sich mit dem Klimaschutz und seiner Finanzierung befassen. Schöne Worte, die der Dringlichkeit des Problems nicht gerecht werden.

Die übergroße Mehrheit der Binnenmigrantinnen muss sich einen Platz in den Slums suchen.

Der Klimawandel wirkt sich in Bangladesch heute auf allen Ebenen des menschlichen Lebens aus: Klimaflüchtlinge haben keinen Zugang zu akzeptablem Wohnraum und sind in der Regel ökonomisch benachteiligt; ihre Kinder haben keine Chance auf Bildung. Diesen Menschen fehlt es an einer basalen Gesundheitsversorgung und am Geld für eine einigermaßen gesunde Ernährung; sie gehen in aller Regel keiner geordneten, also sowohl sozial als auch wirtschaftlich abgesicherten, Beschäftigung nach – das führt zu finanziellen Krisen und dazu, dass in vielen Familien die Männer in entlegene Städte ziehen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In dieser Zeit müssen sich die Frauen um die Familie kümmern, was zu Rückschritten in den Geschlechterverhältnissen führt.

Ganz zu schweigen von den Verheerungen in den Küstenregionen selbst: Vor der Küste Bangladeschs herrscht mittlerweile massive Trinkwasserknappheit, während die Versalzung des Wassers und die Erosion der Flüsse zunimmt. Jede dritte Person in diesem Gebiet leidet aufgrund des hohen Salzgehalts im Trinkwasser an Bluthochdruck.

Saleemul Huq, Direktor des Internationalen Zentrums für Klimawandel und Entwicklung (ICCCCAD), lobt zwar die Zyklonwarnung und das Schutzmanagement in den Küstengebieten von Bangladesch, weiß aber gleichzeitig, dass sich damit selbst auf kurze Sicht kaum etwas gewinnen lässt: »Ich kann den Verlust von Menschenleben verhindern«, sagt er, »aber mit dem Anstieg des Meeresspiegels werden die Menschen in den unteren Küstenbezirken von Bangladesch leider allmählich ihre Lebensgrundlage verlieren.« Die Folge? »Sie werden zwangsumgesiedelt werden. Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir uns damit endlich ernsthaft befassen.«

Mittlerweile herrscht eine massive Trinkwasserknappheit, während die Versalzung zunimmt.
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