»Wir brauchen keine Charity«

von Karin Fischer

Fotos: Bradley Green

Linsey McGoey forscht zum Einfluss privater Stiftungen auf globale Bildungs-, Landwirtschafts- und Gesundheitspolitiken. Ein Gespräch über den »Philanthrokapitalismus«, seine Rolle in der Bekämpfung der Corona-Pandemie und die Gates-Stiftung.


2529 wörter
~11 minuten

Karin Fischer | In deinem Buch No Such Thing as a Free Gift setzt du dich kritisch mit der Praxis unternehmerischer »Mildtätigkeit« auseinander, von John D. Rockefeller und Andrew Carnegie bis zum heutigen »Champion der Philanthropie«, Bill Gates. Philanthropie ist also nichts Neues, aber das unternehmerische Stiftungswesen hat, wie du schreibst, in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten enorm an Umfang und Einfluss gewonnen. Du sprichst deshalb von »Philanthrokapitalismus«. Wie funktioniert dieser Philanthrokapitalismus im Bereich der globalen Gesundheit?

Linsey McGoey | Der Hauptgedanke hinter dem Philanthrokapitalismus ist, dass es gut und vorteilhaft ist, den gewinnorientierten Unternehmenssektor und den gemeinnützigen Sektor zu verschmelzen. Leute wie Bill Gates argumentieren, dass wir Verbesserungen bei verschiedenen Gesundheitszielen erreichen, wenn man mehr große, profitorientierte Unternehmen davon überzeugt und sie dabei unterstützt, sich stärker in der globalen Gesundheit zu engagieren. Kritikerinnen wie ich stellen diese Annahme jedoch infrage. Denn bei dem Versuch, unternehmerisches Gewinnstreben und Gesundheitsversorgung zu verbinden, gibt man den privaten Unternehmen Anreize, mit der Bereitstellung von Gesundheitsgütern Geld zu verdienen, und zwar in einer Weise, die den Bemühungen um mehr Gerechtigkeit und Gleichheit entgegenwirkt. Wenn Unternehmen an der Gesundheitsversorgung beteiligt sind, sind sie natürlich daran interessiert, etwa die Kosten für Medikamente und Impfstoffe in die Höhe zu treiben, für höhere Erträge des Privatsektors zu lobbyieren oder gegen ein universelles Gesundheitssystem aufzutreten. Das Problem mit dem Philanthrokapitalismus im Bereich der globalen Gesundheit besteht also darin, dass man eine Menge widersprüchlicher Anreize setzt, die in Konflikt zueinander stehen. Auf der einen Seite einige wenige Unternehmen, die mit der Gesundheitsversorgung Geld verdienen, auf der anderen Seite die Vielen und ihr Bedarf an erschwinglicher Versorgung. Die Philanthropen tragen eben nicht dazu bei, das öffentliche Gut Gesundheit, wie es vom Staat bereitgestellt wird, zu erweitern, sondern promoten eine Alternative dazu.

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