Dunkler Nebel

von Andrea Heinz

524 wörter
~3 minuten
Dunkler Nebel
Lena-Marie Biertimpel
Luftpolster
Leykam, 2022, 192 Seiten
EUR 22,00 (AT), EUR 22,00 (DE), CHF 30,90 (CH)

Anfang Mai lag ein Volksbegehren aus, in dem es erstmals um die Förderung und Erhaltung der psychischen Gesundheit Jugendlicher ging. Es erreichte 138.131 Unterschriften und wird daher im Nationalrat behandelt werden. Auch im Bereich der Belletristik erscheinen mehr und mehr Bücher, die zeigen: Eine psychische Erkrankung zu haben ist normaler, als keine zu haben. Lena-Marie Biertimpels bei Leykam erschienenes Debüt Luftpolster trifft aber nicht nur thematisch den richtigen Punkt – es ist vor allem auch ein sprachlich und erzählerisch bemerkenswerter Roman. 

In mal längeren, mal nur eine halbe Seite langen, tagebuchartigen Notizen (bis auf Personennamen in konsequenter Kleinschreibung) berichtet die Ich-Erzählerin von ihrer Selbsteinweisung in die Psychiatrie. Auslöser ist der Suizidversuch einer ihrer Schwestern – sie hat zwei davon, »meine eine« und »meine andere«. Depressionen, Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten, all das scheint wie ein dunkler Nebel durch diese Familie hindurch zu wabern: Die Großelterngeneration ist kriegstraumatisiert, zumindest im Fall des Vaters der Erzählerin führte das zu Gewalt in der Erziehung. »es steckt in uns drin«, sagt dieser Vater nun. »wir haben kriegsknochen, mit denen müssen wir leben. die frage nach schuld bringt uns nichts.« Aber natürlich wird sie gestellt; wenn nicht offen, so doch unterschwellig, genauso wie die Frage nach Verantwortung. »dass die seelen meiner eltern verbrannte stellen haben, macht meine füße taub«, schreibt die Hauptfigur, einer der wohl schönsten Sätze des Buches, die Biertimpel leichtfüßig in den flapsigen, oft betont unberührten Duktus der Erzählerin hineinwebt. Die Mutter wurde von ihrem Vater »pummelchen« genannt, aber dass ihre Stimmbänder Löcher von der Magensäure, vom Kotzen, haben könnten, so wie die der Tochter, das weist sie von sich. In Rückblenden, eingeleitet von »vor tagen«, »vor wochen« oder »vor jahren«, erinnert sich die Erzählerin an Gespräche wie diese, aber auch an das Blut ihrer Schwester auf einem Pyjama, auf dem Boden. Sie fühlt sich verantwortlich und spürt doch, dass sie der Schwester (die bald genug von »klinik und gruppentherapie und bla« hat) nicht helfen kann. Die Familie scheint kein offensichtlich schlechtes Verhältnis zu haben, sie mögen sich, sprechen offen miteinander. Und doch werden sie einander oft eher zur Beschwernis, statt sich zu stützen. Vermutlich ist die Hauptfigur deshalb aus der Stadt »am hafen« in die tausend Kilometer entfernte »neue stadt« gezogen und hier in die psychiatrische Klinik gekommen, die sich in Pavillons befindet – die Anklänge an die Klinik auf den Steinhofgründen sind recht deutlich und scheinen umso sinnfälliger, als die 1991 in Hamburg geborene Biertimpel in Wien Sprachkunst studiert.

Man wird von ihr hoffentlich noch mehr lesen. Wie sie Gender-Aspekte souverän anklingen lässt (»sie sind so eine schöne frau, sie sollten aufhören traurig zu sein, sagt der arzt und winkt«) und Erkenntnisse über Epigenetik einflicht, daneben aber auch mit präzise gesetzten Strichen ihre Figuren zeichnet und erzählt, wie die Ich-Erzählerin in der Klinik langsam Vertrauen fasst, Freundschaften schließt, wie sich etwas zu verändern beginnt in ihr – das ist, zumal für ein Debüt, wirklich herausragend.

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