Ein Volksfest des Hasses

von Manja Präkels und Markus Liske

Fotos: Umbruch Bildarchiv

Vor 30 Jahren kam es in Rostock-Lichtenhagen zum größten Pogrom der deutschen Nachkriegsgeschichte. Fernsehsender begleiteten das viertägige rassistische Gewaltspektakel mit Live-Berichterstattung.


3703 wörter
~15 minuten

Sommer 2021. Die Pandemie hat Pause. Es darf wieder Kultur stattfinden. Im Vorfeld der nahenden Bundestagswahl hat uns das Koeppenhaus in Greifswald zu einer Marktplatzlesung in Anklam eingeladen. Als symbolkräftige Kulisse dient ein alter VW-Bus, der an Günter Grass’ Wahlkampfauftritte für die SPD in den siebziger Jahren erinnert. Ein leicht schiefes Bild, denn wir sind nicht hier, um uns für eine Partei starkzumachen. Wir sollen für Demokratie werben, für politische Teilhabe, für Austausch und Diskussion, für Weltoffenheit und Freiheit. Das ist bitter nötig. Die Wahlbeteiligung hier im östlichen Vorpommern ist traditionell niedrig, rechtsextreme Haltungen und Ressentiments sind weit verbreitet. Sinnvoll kommt uns das Ganze trotzdem nicht vor. Nur wenige Menschen hören uns zu, die meisten von ihnen sind zur Teilnahme verdonnerte Schüler, die keinen Hehl daraus machen, wie blöd sie das alles finden. Kaum haben wir angefangen zu lesen, beginnt der Abbau des Wochenmarkts, und die Standbetreiber machen sich einen Spaß daraus, mit ihren knatternden Lieferwagen direkt an unserer improvisierten Bühne vorbeizudieseln. Nachher prangt ein Hakenkreuz im ausgelegten Gästebuch, daneben steht: »Auslenter raus!«. Aber richtige Nazis gibt es hier eigentlich nicht. Sagt jedenfalls Vize-Bürgermeister Bernd Lange (FDP) und sagen auch die beiden Vertreter des Schülerparlaments, die nach uns sprechen. Erstaunlich konservativ gekleidete Teenager mit viel Heimatliebe, Sorgen um den Fortbestand des klassischen Familienmodells und Zweifeln am Klimawandel, wie im Gespräch herauskommt. Die beiden wirken wie aus den fünfziger Jahren der BRD hierher gebeamt. Vielleicht wissen sie deshalb auch nicht, was 1992 in Rostock-Lichtenhagen geschah, als das Haus mit den Sonnenblumen brannte. Nie davon gehört.

22 Prozent wird die rechtsextreme AfD bei der Wahl in Anklam einfahren, im gesamten Landkreis werden es knapp 20 Prozent sein – ungefähr doppelt so viel wie im Bundesdurchschnitt.

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