Erinnern als
politische Praxis

von Jana Volkmann

Illustration: Aelfleda Clackson

Rechter Terror hat in Deutschland Kontinuität – und das nicht erst seit den »Baseballschlägerjahren«. In Nürnberg fand im Juni ein NSU-Tribunal statt – mit der Perspektive der Betroffenen im Vordergrund.


2357 wörter
~10 minuten

Wenn man Kassel von Norden kommend Richtung Innenstadt mit der Tram durchquert, kommt irgendwann auf halbem Wege die Durchsage: »Halit­platz«. Der kleine Platz wurde vor knapp zehn Jahren so benannt, nach Halit Yozgat, dem neunten Todesopfer des »Nationalsozialistischen Undergrunds« (NSU). Der Gedenkort liegt an der Holländischen Straße, einer der wichtigsten Verkehrsadern der Stadt, sie verbindet die Nordstadt mit dem Uni-Campus und führt schließlich in die Innenstadt. Wenn es nach İsmail Yozgat ginge, dann hieße die ganze Straße heute anders: Halitstraße. In der Hausnummer 82 lag das Internetcafé, das er betrieben hat und in dem sein Sohn 2006 mit zwei gezielten Schüssen ermordet wurde. Während der Verhandlungen im Münchner NSU-Prozess sagte er: »Wir bitten Sie alle und den deutschen Staat nur um eines: Wir wollen einen Namen haben, nur einen Namen. Mein Sohn ist am 2. Januar 1985 in der Holländischen Straße geboren worden, und am 6. April 2006 wurde er in der gleichen Anschrift erschossen. Das ist für uns sehr wichtig, dass diese Holländische Straße in Halitstraße umbenannt wird.« Die Straße heißt noch immer nicht anders. Stattdessen gibt es eben den Halitplatz.

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