Der integre Mensch

von Karl-Heinz Dellwo

Am 4. Oktober fand in Berlin eine Gedenkveranstaltung für den Ende August verstorbenen Anwalt und Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele statt. Wir dokumentieren an dieser Stelle den Beitrag von Karl-Heinz Dellwo.


801 wörter
~4 minuten

Vor einem meiner Besuche hatte ich Christian zuletzt gefragt: »Kann ich Dir irgendetwas mitbringen?«, und erhielt als Antwort zuerst: »Nein, nicht nötig«, und dann doch: »Ja, wenn schon, dann einen frischen Fisch.« Das war gut, endlich ein Wunsch, den ich erfüllen konnte. Ich habe ihm eine frische Seezunge in der Kühltasche nach Berlin gebracht. Er hat sie abends genossen, wie er berichtete. Beim letzten Besuch Ende Mai hatte ich ihm versprochen, dies zu wiederholen. Dazu ist es leider nicht gekommen. 

Christian habe ich zum ersten Mal 1974 getroffen, als ich mit anderen nach dem Tod von Holger Meins zu einer Protestaktion nach Berlin fuhr. Wie einige hier noch wissen, war Holger Meins der erste Tote von fünf in Stammheim angeklagten RAF-Gefangenen, von denen am Ende keiner die alte BRD überlebt hat. Wiedergesehen habe ich Christian dann als Anwalt im Prozess gegen das Kommando Holger Meins, dessen Mitglied ich war.

Er wollte zuerst kein Mandat übernehmen. Ich habe ihn damals über Klaus Croissant, der mein Anwalt war, angeschrieben: im Duktus jener Zeit – und es nicht erbeten, sondern politisch verlangt, unter dem Rekurs auf die Solidarität und die gemeinsame Geschichte. Er hat dann doch ein Mandat übernommen – bei Bernd Rössner –, trotz der damit verbundenen finanziellen Nöte, denn diese Sonderjustiz hatte in unserem Prozess keinen einzigen Vertrauensanwalt verpflichtet, nur Zwangsverteidiger, mit denen wir nicht zusammengearbeitet haben. Die Finanzierung des Verfahrens kann man […] heute auch offenlegen: Für 99 Termintage bei fünf Anwälten hat Heinrich Böll damals 5.000 D-Mark gespendet – nicht die Stasi.

Über die ganzen Jahre meiner Haft ist Christian immer gekommen, wenn ich ihn darum gebeten habe. Er hat an uns festgehalten, weil er an seiner eigenen Geschichte festgehalten hat. Es war die Geschichte der Revolte der 60er Jahre, die damals für viele ein reales Moment an Befreiung in sich barg – nicht nur von der altnazistisch geprägten Mehrheitsgesellschaft, sondern auch von der sich ausdehnenden Verwertungswelt des Kapitalismus, die mehr und mehr das gesamte Leben umgriff. Vom Imperialismus, von Vietnam und der schon damals propagierten Verteidigung der »Freiheit des Westens« erst gar nicht zu reden.

Dieser Aufbruch damals war auch für Christian eine existenzielle Erfahrung. Auch er hat deswegen im Gefängnis gesessen. Während unserer Begegnungen haben wir immer über diese Zeit, ihre Möglichkeiten, ihre Notwendigkeiten, aber auch über das notwendig Unmögliche gesprochen, das damals versucht werden musste. 1993 wollten wir gemeinsam einen politischen Ausweg finden aus der längst festgefressenen Konfrontation zwischen RAF und Staat. Das ist gescheitert. Es lag nicht an Christian. Auch er wollte weiterhin einen politischen Ausweg, genauso wie er im Herbst 1977, damals zusammen mit Otto Schily, noch versucht hatte, während der Kontaktsperre zu den Gefangenen in Stammheim vorzudringen, um zu einer nichtmilitärischen Lösung zu kommen. Politische Lösungen sind das, was überall fehlt. Die Niederlage der RAF und der bewaffneten Gruppen war mehr als nur ihre eigene. 

Mit Christian Ströbele musste man weder die Frage der Isolationshaft noch die der politischen Justiz diskutieren noch über die politische Bestimmung einer Gruppe, die von den eigenen wie auch von den großen Befreiungserfahrungen in der Welt aus den sechziger, teils fünfziger Jahren, nicht ablassen konnte und wollte. Es scheint heute alles so weit weg und liegt doch so nahe, wenn man sich derzeit diese Barbarei anschaut, mit der die Eliten der Welt mit- und gegeneinander niederträchtige Kriege führen und so das Leben und die Zukunft der anderen opfern. 

Christian Ströbele bleibt für mich der integre Mensch, der die unverzichtbare Möglichkeit der dissidenten Stellung sowohl im unmittelbar persönlichen als auch im öffentlichen Raum bewahrt hat. Wenn auch innerhalb der herrschenden Verhältnisse agierend, unterlag er nicht der vorherrschenden Mitmachmentalität. Er hätte sich eine linke Gegenkraft gewünscht, noch mehr vielleicht eine ökologisch grundierte. All das existiert nicht wirklich und fehlt. Alles wird heute für den Erhalt des Falschen geopfert.

Ich weiß nicht, ob bei Christian am Ende nicht immer die Hoffnung obsiegte. Wir kennen das alle: »wider alle Hoffnung hoffen«. Er behielt dabei aber auch immer einen skeptischen Blick. Ich war in unseren Gesprächen jedoch nicht in der Lage, mir Illusionen darüber zu machen, dass das Fortsetzen des globalisierten Kapitalismus etwas anderes als ökologische, soziale und politische Albträume gebären wird. Wenn nicht noch schnell aus dem Vabanque-Spiel im ausgebrochenen Verteilungskrieg eine katastrophale Kulmination erwächst. 

Sicher ist: Christian Ströbele war kein Vertreter von Doppelstandards. Diese Ehrlichkeit machte bei manchen Differenzen, die wir auch hatten, die Basis aus, auf der wir uns begegnen konnten. Gegen die Doppelstandards möchte ich hier in seinem Namen mit etwas schließen, was, pars pro toto, für viele Unverzichtbarkeiten stehen muss: 

Freiheit für Julian Assange! 

Vielen Dank.

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