Endloser Jo-Jo-Effekt

von Andrea Heinz

588 wörter
~3 minuten
Endloser Jo-Jo-Effekt
Daniela Dröscher
Lügen über meine Mutter
Kiepenheuer & Witsch, 2022, 448 Seiten
EUR 24,70 (AT), EUR 24,00 (DE), CHF 33,90 (CH)

Die Versuche, weibliche Körper zu disziplinieren, umgeben uns wie Luft. »Du darfst«, haucht eine Stimme, aber die Bilder dazu schreien: »Du musst!« Die Figur-Polizei ist dermaßen omnipräsent, dass man sie als Erwachsene oft kaum mehr wahrnimmt, so sehr verschwimmt sie mit der Umwelt. Aber die Geschichte in Daniela Dröschers Lügen über meine Mutter wird von einem Kind erzählt, und durch die Augen dieses Mädchens – eines autofiktionalen Alter Egos der Erzählerin – wird die monströse Präsenz dieser Stimmen plötzlich unüberhörbar. Ela wird das Kind genannt, und ihre Mutter sprengt alle Normen. Sie nimmt sich den Raum, der ihr nicht zusteht. Sie ist dick.

Die aus kindlicher Perspektive erzählten Kapitel werden unterbrochen von kurzen Einschüben, in denen die Autorin den Text kommentiert, bisweilen auch durch wissenschaftliche Erkenntnisse ergänzt. Wie so viele Autorinnen vor ihr will sie ihre Familiengeschichte, das Unausgesprochene, unter dem sie so litt, ergründen – und das geht eben oft nur über den Umweg ins Fiktionale. »Wenn du nicht endlich redest«, droht sie der Mutter, »muss ich etwas erfinden. Ich muss lügen.« – »Nur zu. Das ist ja dein Beruf.«

Ein bisschen Lüge wird wohl dabei sein, so wohlgetaktet, wie die Geschichte vor sich hin schnurrt. Durch die Augen von Ela, zu Beginn der sich über mehrere Jahre ziehenden Erzählung noch ein Kindergartenkind, beobachten wir eine Familie, nicht mehr oder weniger dysfunktional und unglücklich als die meisten. Die Eltern der Mutter sind Schlesiendeutsche, aber reicher als die Eltern des Vaters, ehemalige Bauern, mit denen Elas Familie zusammenwohnt. Ein sogenannter Mehrgenerationenhaushalt, mit allen Grauenhaftigkeiten, die so etwas zu bieten hat. Und, zu allem Überfluss: die Mutter zu dick. Es ist, wenn man Ela glauben kann, das bestimmende Thema in der Ehe. Über mehr als 400 Seiten zieht sich ein endloser Jo-Jo-Effekt, nimmt die Mutter ab und zu, geht zu den Weightwatchers, lässt sich einen Ballon in den Magen implantieren – und nimmt nach dessen Entfernung nur noch weiter zu. Begleitet wird das Drama von bösen Blicken, die der Ehemann über den Esstisch schießt – weil er sich mit seiner Frau nirgends zeigen kann, nicht am Strand und nicht bei der Betriebsfeier. Ergebnis: keine Beförderung und Urlaub als unfreiwillig Alleinerziehender. So monothematisch das klingen mag, Dröscher, die szenisches Schreiben in Graz studiert hat, garniert das Ganze mit reichlich Action. Mutmaßliche Geliebte tauchen auf, Menschen erkranken schwer, verunfallen oder gehen pleite. Das mag alles passiert sein, überfrachtet die Geschichte aber. Auch die Figuren sind teilweise arge Knallchargen: Beim Vater kann man sich nur wundern, wie die Tochter diesen egozentrischen, empathiearmen Menschen mögen kann. Und die Großeltern väterlicherseits tauchen sowieso nur als Karikaturen auf: Die Großmutter keift im Dialekt herum, der Großvater schaltet das Hörgerät aus und zwinkert verschwörerisch. Nun ja. Berührend und gelungen ist vor allem das Porträt der Mutter, einer Frau, die selbstständig sein, arbeiten will, die lebenslustig und bestimmt zu sein scheint – und doch von den Verhältnissen immer wieder zurechtgestutzt wird. Es ist eine Abrechnung nicht zuletzt mit dem bürgerlichen Ideal der Kleinfamilie, das Frauen oft nicht gut bekommt. Warum Dröscher im letzten Absatz noch ohne weiteren Kommentar anmerken muss, dass sie nun selbst eine solche Kleinfamilie hat, wirkt fast befremdlich, zerstört aber vor allem mit einem Schlag die gelungene autofiktionale Schwebe. Trotz der Unschärfen: ein lesenswertes Buch über soziale Normen und das, was sie in den Körpern und Seelen anrichten.

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