Spiele fürs Kapital

von Christian Bartlau

Am 20. November startet die Fußball-WM der Männer in Katar, allen Protesten zum Trotz. Was aussieht wie Irrsinn, ist nur der ganz normale marktkonforme Fußball.


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~9 minuten

Das Ergebnis steht schon fest, bevor das erste Tor gefallen ist. Katar 2022 wird »die beste WM aller Zeiten«, sagte Gianni Infantino, Chef des Weltfußballverbands Fifa, in diesem Sommer, noch bevor auch nur die Gruppenspiele ausgelost waren. Besser konnte Infantino kaum demonstrieren, welchen Stellenwert das eigentliche Geschehen auf dem Rasen für die selbsternannten Hüter des Spiels einnimmt: Fußball ist für die Fifa die schönste Nebensache der Welt. Hauptsache ist dagegen, dass die Zahlen stimmen, und diese lesen sich für Infantino fantastisch: 200 Milliarden Dollar Investments in Katar, hunderte Millionen Menschen vor den TV-Bildschirmen, sechs Milliarden Dollar Gewinn in der Kasse der Fifa.

Außerhalb der Fifa-Zentrale in Zürich hat sich ein anderer Superlativ für das Turnier etabliert: Ab dem 20. November geht in der katarischen Wüste die umstrittenste WM aller Zeiten über die Bühne, selbst für die traditionell völlig ruchlose Fifa – man denke an die WM 1978 in der mörderischen Militärdiktatur Argentinien oder die obszöne Ausbeutung Südafrikas 2010 – ein neuer Tiefpunkt.

Katar, ein Emirat von der Fläche Oberösterreichs, ist der staatsgewordene Albtraum eines jeden Menschenrechtlers: Auf gleichgeschlechtliche Liebe stehen bis zu sieben Jahren Gefängnis, Frauen dürfen ohne männliche Aufpasser nicht ins Ausland reisen, jede öffentliche Kritik am Herrscherhaus wird bestraft, unabhängige Parteien sind nicht erlaubt. 2,2 Millionen Gastarbeiter arbeiten für den Wohlstand der nur 300.000 Staatsbürger, viele davon schuften sich in der Gluthitze buchstäblich zu Tode. Allein auf den Baustellen für die WM sollen 6.500 Menschen gestorben sein, berichtete der Guardian. Die Dunkelziffer dürfte freilich weit höher liegen.

Auf die missliche Lage der Arbeiter konzentriert sich eine Boykottbewegung, die sich rund um kritische Fanszenen vieler Länder gebildet und weite Kreise gezogen hat. Städte wie Paris und Marseille errichten keine Public-Viewing-Zonen, der Ausrüster Hummel stattet das dänische Team mit einem schwarzen Trauertrikot aus, das österreichische Fußballportal Abseits.at wird aus Protest nicht über die WM berichten.

Katar und die Fifa behandeln die Kritik wie ein weiteres Imageproblem, das mit geschickter PR aus der Welt geschafft werden soll. Während des Turniers werden die Arbeiter unsichtbar sein, viele werden nach Hause geschickt, nichts soll die perfekte Inszenierung stören, in die das Emirat seine Reichtümer aus Erdgas- und Ölgeschäften investiert. »Sportswashing« nennt sich die Strategie: Wen interessieren noch tote Nepalesen, wenn sich Neymar vor 86.000 Zuschauern über den Rasen des Lusail Iconic Stadium wälzt? Die üppig bezahlten Botschafter wie Ex-Superstar David Beckham posieren für Fotos, der Ball rollt in den klimatisierten Stadien, Fans mit Gesichtsbemalung jubeln in die Kameras – diese Bilder sollen um die Welt gehen. Die Welt zu Gast in einer islamistischen Monarchie.

Die Entscheidung für das Emirat fiel am 2. Dezember 2010 in Zürich, getroffen von 22 Wahlmännern des Fifa-Exekutivkomitees, verlesen vom damaligen Boss Sepp Blatter, für den sich der Beiname »Pate« eingebürgert hat. Er wurde 2015 wegen des Verdachts auf Untreue von den alarmierten Fifa-Großsponsoren zum Rücktritt gezwungen. So gut wie jeder Wahlmann tauchte in den letzten Jahren im Zusammenhang mit Korruption in den Schlagzeilen auf. Die massiven Hinweise darauf, dass die Vergabe gekauft war, dürfte niemanden überraschen: Die Fifa war gemeinsam mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) die Wiege der modernen Sportkorruption. Geld gegen Stimmen: normales Geschäftsgebaren in dieser Parallelwelt.

Die Fifa als »Mafia« zu bezeichnen, wie es der renommierte Journalist Thomas Kistner in einem Buch getan hat, mag aufgrund der Indizienlage recht treffend sein, greift jedoch zu kurz: Der Weg nach Katar ist nicht nur gepflastert von Gier und moralischen Verfehlungen einzelner Funktionäre. Die WM ist eher der logische Tiefpunkt in der Entwicklung des Fußballs zu einer wichtigen Branche der globalen Unterhaltungsindustrie.

Goldrausch

Der Fußball war nicht sehr lange der reine »Volkssport«, als den ihn die Fifa noch heute darstellt. Als der schottische Steinmetz Fergus Suter 1878 zum englischen Klub Darwen wechselte, war er der erste Profi der Geschichte. Zehn Jahre später entstand mit der englischen Football League die erste Profiliga der Welt. Parallel dazu entwickelten sich die Arbeitersportvereine mit ihrem ausgeprägten Amateur-Ethos, die aber spätestens ab den 1930er Jahren verdrängt wurden, die besten Spieler wurden abgeworben. »Klassenverrat – Old Erwin spielt fürs Kapital«, so beschrieb der deutsche Schriftsteller Walter Jens im Nachhinein den Wechsel seines Idols Erwin Seeler 1932 vom Arbeiterverein SC Lorbeer 06 zur bürgerlichen Victoria Hamburg.

Erwins legendärer Sohn »Uns Uwe« Seeler war einer der ersten Weltstars des Spiels, das parallel zum Massenmedium Fernsehen einen globalen Siegeszug antrat. Mehr Zuschauer, mehr Aufmerksamkeit, mehr Geld, so lautet seitdem die einfache Gleichung. Als 1996 die Fußball-Europameisterschaft unter dem heimeligen Motto »Football’s coming home« in England über die Bühne lief, war die Romantik schon reiner Mythos und die heimische Premier League dank Pay-TV-Millionen auf dem Weg Richtung Hochglanzprodukt für die begüterte Mittelschicht.

In Katar kommt der Fußball endgültig in seinem neuen Zuhause an: in der Tasche der Reichen und Mächtigen, die sich den Fußball eingekauft haben als eine Art Schweizer Taschenmesser für ihre Interessen. Wie viel Geld im Fußball steckt, lässt sich schwer beziffern, doch einige wenige Kennzahlen sprechen Bände: Die Fifa erwartet sich von Katar wie gesagt über sechs Milliarden Dollar Gewinn; die Beratungsagentur Deloitte errechnet für Europas Fußball 2021/22 einen Gesamtumsatz von 27,6 Milliarden Euro; allein der deutsche legale Wettmarkt war vor Corona über neun Milliarden Euro schwer. Kurz: Der Fußball ist eine Multi-Milliarden-Dollar-Industrie.

Zinedine Zidanes berühmter Kopfstoß: Auch die fünf Meter hohe Bronze-Installation wurde in der Gluthitze Dohas von Gastarbeitern errichtet. (Foto: STR/EPA)

Wie in einem Goldrausch zieht die Geldschwemme immer mehr Glücksritter an: Ausrüster wollen Trikots und Schuhe verkaufen, Sponsoren ihre Marken präsentieren, Berater und Investoren ihre Taschen füllen, Ölscheichs und sonstige Autokraten »soft power« aufbauen, Funktionäre ihr Netzwerk spinnen. So unterschiedlich die Interessen, ihr Ziel ähnelt sich: aus dem Fußball so viel Geld pressen wie möglich.

Heraus kommt der einstige »Volkssport« in Warenform: ein marktkonformer Fußball, herangezüchtet für die Profitmaximierung. Das wirkt sich sogar auf das Spiel an sich aus: Nicht nur wird über unfaire Prämienverteilung die Vorherrschaft der Großklubs gesichert, auch der Zufall wird dem Spiel ausgetrieben. Das Symbol dafür: Der Videoschiedsrichter (Video Assistent Referee, VAR), der dem Spiel Emotionen und das anarchische Moment raubt, nur um ein »gerechteres« Ergebnis zu bekommen. Der neoliberal zugerichtete Fußball ist ein Abbild der Gesellschaft, in der er gespielt wird: Wenige Privilegierte wetteifern nach ihren Regeln um das größte Stück vom Kuchen, während der Rest um die Krümel streitet.

Auch abseits des Feldes regiert die Profitlogik. »Weiter, immer weiter!«, in diese Worte fasste der krankhaft ehrgeizige Oliver Kahn, einst Torwart, heute Vorstandsvorsitzender des FC Bayern München, einmal sein Motto – es lässt sich mühelos auf den marktkonformen Fußball übertragen. Im Fünf-Jahres-Takt ersinnen die Verbände neue Wettbewerbe für mehr Einnahmen. Nations League, Conference League, bald vielleicht eine Super League. Schon bei der nächsten WM sollen nicht mehr 32 Länder antreten, sondern 48. Die Qualität leidet, die Fifa-Kasse klingelt.

Windige Deals

Der Fußball hat sich verkauft – diese Klage kritischer Fans klingt populistisch, vereinfacht, nach naiver Maschinenstürmerei. Nur: Das macht die Aussage nicht unwahr. Die Investoren bestimmen, wer spielt, wo gespielt wird, wann gespielt wird. Von den letzten zehn Endspielen der Supercoppa Italiana wurden sechs im Ausland ausgetragen, fünf in Saudi-Arabien, eines in China. Die Ligen zersplittern die Anstoßzeiten quer über das Wochenende, um ihre TV-Partner in aller Welt zufriedenzustellen. Freundschaftsspiele und Trainingslager absolvieren Superklubs kaum noch im eigenen Land, sondern in der Sonne Katars oder im Wachstumsmarkt USA.

Wer zahlt, schafft an, das gilt besonders für Katar. Eine WM in der Wüste, im Winter? Bis einen Tag vor der Vergabe im Dezember 2010 hätte der Großteil der Fans und Experten das für ausgeschlossen gehalten – seitdem haben viele ihre Lektion in angewandter Sportpolitik gelernt. Katar mag kein großer Markt sein, aber ein unfassbar reicher und mächtiger Player. Erst seit 1971 unabhängig, kämpft das Emirat mit einer schwierigen geopolitischen Lage am Persischen Golf, ständig bedroht vom großen Bruder Saudi-Arabien. Ein Ausweg: die Herausbildung von »soft power« über das Engagement in internationalen Organisationen, Unternehmen – und im Sport. Der mächtige Staatsfonds hat sich erst vor kurzem die Mehrheit beim deutschen Energieversorger RWE gesichert, beteiligt ist er auch an Siemens, VW, der Deutschen Bank, Barclays, Credit Suisse und weiteren Weltmarken.

Der Ableger Qatar Sports Investments (QSI) ist innerhalb weniger Jahre zu einem der größten Finanziers des Weltfußballs aufgestiegen – und hat das Gesicht des Sports verändert. Der Werbedeal mit dem FC Barcelona 2013 beendete 113 Jahre kommerzfreie Brust der »Blaugrana«, die das unmoralische Angebot über rund 100 Millionen Euro für drei Jahre nicht ausschlagen konnten. Ein weiterer Sündenfall des Fußballs, »Made in Qatar«: Der 222-Millionen-Euro-Wechsel von Neymar da Silva Santos Júnior zu Paris Saint-Germain, seit 2011 im Besitz von QSI. Eine obszöne Summe, ein frecher Deal: Um die Financial-Fairplay-Regeln der Fifa auszuhebeln, zahlte Neymar seine Ausstiegsklausel bei Barça selbst – und strich für seinen neuen Nebenjob als »WM-Botschafter« 300 Millionen Euro ein.

Dass solche windigen Deals keine harten Konsequenzen nach sich ziehen, verdankt sich dem Netzwerk des starken Mannes im katarischen Sport: Nasser Al-Khelaifi, Chef des Sportsenders BeIN Sports und als Vorsitzender von QSI auch Präsident von Paris Saint-Germain. Der Katari hat es in einem sportpolitischen Husarenritt bis ins Uefa-Exekutiv-Komitee geschafft – bei derselben Uefa, die BeIN Sports die Rechte an der Champions League verkauft. Mit viel Geld auf die Brust der größten Vereine und in die Chefetagen der Verbände: Katar hat auf seinem Weg in die Beletage der Sportpolitik den typischen Weg eines Emporkömmlings genommen – die goldene Leiter. Und jetzt dient das katarische Geld als ein Bollwerk gegen jeglichen offiziellen Widerstand gegen die WM und die Zustände im Land.

Bezeichnenderweise wurde es nur einmal wirklich brenzlig für Katar und seine WM: 2017 scherte das Land im Jemen-Krieg aus der Allianz mit Saudi-Arabien aus, was der große Nachbar mit einer Blockade beantwortete. Die USA stellten sich an die Seite Saudi-Arabiens, und plötzlich kamen unter Sportpolitikern Themen zur Sprache, die sonst lieber beschwiegen werden: die Unterstützung des Emirs für die Muslimbruderschaft, die Hisbollah und die Hamas etwa. Katar, Unterstützer des Terrors? Mittlerweile ist die Krise beigelegt und die Aufregung verschwunden. Spätestens seit der »Zeitenwende« im Februar ist offene Kritik aus dem Westen verstummt. Deutschlands Wirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen drückte im März die Hand des Emirs, um der Industrie Gas aus Doha zu sichern. Medienberichten zufolge machten die Kataris bei der Gelegenheit deutlich, dass allzu laute Bedenken gegen die WM als unfreundlicher Akt empfunden würden – und ein höchstrangiger Stadionbesuch erwartet werde, nette Fotos inklusive.

Lage der Arbeiter

Was sich die Kataris nicht kaufen können: Zuneigung. Für den traditionell stromlinienförmigen Fußball regt sich sogar innerhalb der Szene bemerkenswert großer Widerstand, der aber nicht widerspruchsfrei bleibt. Als Nationalspieler zog etwa der Norweger Erling Haaland ein Shirt mit der Aufschrift »Fair Play for Migrant Workers« über sein Trikot, im vergangenen Sommer heuerte er bei Manchester City an, das im Mehrheitsbesitz von Abu Dhabi steht, ebenfalls ein autoritäres Emirat. Der dänische Ausstatter Hummel, der das erwähnte »Trauertrikot« für die Nationalmannschaft designte, rüstete noch 2018 die Handballklubs Qatar SC und Al Sadd SC aus. Die deutsche Nationalmannschaft pinselte sich 2021 »Human Rights« aufs Trikot – eingefangen von Kameras für ein Instagram-Video. Selbst der Protest gegen Katar muss noch vermarktet werden.

Wie die Lage der Arbeiter sich entwickelt, ist völlig unklar. Die Internationale Arbeitsorganisation hat Katar Fortschritte bescheinigt, sie steht aber selbst in der Kritik, weil Doha die UN-Organisation neuerdings mit großzügigen Summen fördert. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat für einige Podiumsdiskussionen Arbeiter aus Katar eingeladen, sie berichteten von weiterhin katastrophalen Zuständen, nicht nur auf den WM-Baustellen. Gerade Haushälterinnen hätten Schwierigkeiten, berichtet ein Mann aus Kenia, der die schlechten Arbeitsbedingungen auf seinem Blog anprangerte – und dafür im katarischen Gefängnis landete. Hoffnungen hat er nicht: »Ich denke, nach der WM fliegen die Fußballspieler zurück, und dann geht alles wieder weiter, wie es vorher war.«

Das könnte auch für den Fußball gelten. So oft auch geraunt wird, dass bald »die Blase platzt« – nichts deutet auf einen »Peak Fußball« hin. Im Gegenteil: Neo-TV-Giganten wie Netflix, Facebook und Amazon könnten die Medienrechte weiter verteuern. Bevölkerungsreiche Märkte wie Indien, China und Indonesien verheißen ungeheure Einnahmen. Die WM mit 48 Teams schließt immer mehr Länder an die Vermarktungsmaschinerie an.

Wenn dieser Weg weitergeführt wird, war Katar nur eine Zwischenstation. »Wer einen Boykott der WM fordert, müsste in der Konsequenz die ganze Fußballindustrie boykottieren«, schreibt der kritische Sportjournalist Ronny Blaschke. Genau das ist die Entscheidung, vor der Fußballfans nun stehen.

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