Im Namen des Klimas

von Gabriel Kuhn

Illustration: Ūla Šveikauskaitė

Im Norden Europas bedroht der Versuch, die Energiewende zu vollziehen, die Lebensräume und Kultur der indigenen Sámi.


2434 wörter
~10 minuten

Der hohe Norden Europas boomt. Der Grund: die Wende hin zu grüner Energie. Im schwedischen Skellefteå wurde Ende 2021 die größte Fabrik Europas zur Produktion von Lithium-Ionen-Batterien in Betrieb genommen. Lithium-Ionen-Batterien werden vor allem in Elektroautos eingesetzt. Der Standort ist kein Zufall. Neue Bergwerke in Norwegen und Schweden sollen Mineralien zugänglich machen, die für die Produktion der Batterien notwendig sind, ebenso für Sonnenkollektoren oder Windkraftanlagen. Auch die größten Windparks Europas finden sich im Norden des Kontinents. In Finnland ist die Arktische Eisenbahn geplant, die das finnische Bahnnetzwerk mit der nordnorwegischen Hafenstadt Kirkenes verbinden soll. Hier sollen unter anderem Kupfer und Eisenerz aus modernen Bergwerken ohne CO2-Emissionen sowie Holz aus Wiederaufforstungsprogrammen transportiert werden. Besucht man die Websites der in Nordeuropa aktiven Firmen und Investoren, ist viel von »Nachhaltigkeit« und »Klimaneutralität« die Rede.

Doch was nach einer grünen Erfolgsstory klingt, ruft ausgerechnet Öko-Aktivistinnen auf den Plan. Vor allem die samische Bevölkerung wehrt sich gegen eine Entwicklung, die als Fortsetzung einer jahrhundertelangen ökonomischen Ausbeutung ihres traditionellen Siedlungsgebiets Sápmi betrachtet wird. Die ökologische Fassade erscheint zynisch, statt von »grüner Wende« spricht man hier von »grünem Kolonialismus«. Eva Maria Fjellheim forscht seit Jahren zu dem Thema und arbeitet für den Samischen Rat, der seit 1956 samische Organisationen aus Norwegen, Finnland, Schweden und Russland vereint. Sie definiert grünen Kolonialismus als »Fortsetzung kolonialen Landraubs im Namen des Klimas und der grünen Umstellung«.

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