N°10| KULTUR | 01.10.21

Das Gegenteil von Belle Époque

 

In Barbi Markovićs neuem Roman ist eine Gruppe Jugendlicher im Belgrad der Allneunziger gefangen – dazu gibt es eine Rollenspiel-Anleitung. Ein Zeitreisetrip, ein unvergessliches Abenteuer.

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VON JANA VOLKMANN

Jana Volkmann ist Redakteurin des TAGEBUCH.

Banovo Brdo, heißt es, ist ein Teich voll Krokodile. Der Belgrader Stadtteil, in dem Barbi Markovićs neuer Roman Die verschissene Zeit spielt, bringt in den 1990er Jahren eine eigentümliche, krasse Gemengelage hervor: Armut, Gewalt, die beinah greifbaren Verheißungen des Kapitalismus, Drogen und Langeweile. Die Rede ist von einem »riesigen psychowirtschaftlichen Desaster«. Der Krieg bestimmt das Geschehen im Viertel, nationalistische Ideologien haben einen guten Nährboden. Mittendrin die dreizehnjährige Vanja, ihr Bruder Marko und ihre Freundin Kasandra.

Im Mikrokosmos von Banovo Brdo lässt sich eine Typologie der Bewohnerinnen und Bewohner erstellen: Wer ist widerstandsfähig gegen die Umstände, wer wird zum Schläger, wen haut es um? »In der steilen Žarka-Pucara-Straße sind drei Hochhäuser aneinandergereiht. Sie stehen für die drei Intensitätsstufen des Lebens. […] An Katzenbiografien kann man das gut beobachten. Wenn sie geboren werden, halten sie sich rund um das Hochhaus 7 auf. Sobald sie Kraft entwickeln und sich am Leben üben wollen, laufen sie hinauf zum Hochhaus 15. Dort leben verspielte Tiere und Jugendliche wie ihr. Wenn die Katzen ihre volle Kraft erreichen, ziehen sie weiter hinauf zu 23, an den Waldrand, wo sie sich gegenseitig zu Tode fetzen. Beim 23er Hochhaus leben neben starken Katzen bissige, tollwütige Straßenhunde und entsprechende Menschen. Später, wenn sie alt und gebrechlich werden, wandern die Katzen zurück zum Hochhaus 7.«

Berüchtigt sind in der Siedlung die Bambalić-Zwillinge, wo sie auftauchen, gibt es Ärger und blutige Nasen. Sie bringen die drei – Vanja, Marko und Kasandra – dazu, bei der Popdiva Gana Savić einzubrechen, um etwas zu stehlen: ein Medaillon mit einem Krokodilskopf. Dann kommt eine Explosion, der Himmel dreht sich und strudelt, und als die Jugendlichen wieder zu sich kommen, ist es nicht mehr 1995, sondern vier Jahre später. Das Jahr 1999 hat einige Überraschungen in petto. Das Haustier der Familie, der »vernachlässigte, wegen seines extremen Schreiverhaltens immer mit einem schwarzen Tuch verdeckte, verrückte Vogel«, lebt noch immer. Andere sind tot. Vanja hat einen Freund, den sie – aus Sicht ihres dreizehnjährigen Ichs – bestenfalls uninteressant findet. In dieser zukünftigen Gegenwart lernen die Jugendlichen Miomir kennen, der die Zeitmaschine und ihr Herzstück, den Zeitmodifikator gebaut hat. Nicht auszudenken, was man mit einer solchen Maschine – sowie Heldenmut und guten Ideen – alles ausrichten könnte! Wenn die Maschine so wie in Miomirs Vorstellung funktionieren würde, ließe sich mit ihrer Hilfe alles verhindern, was die Neunziger so grauenhaft macht: der ganze Nationalismus, die Brutalität, die Kriege. Miomir weiß auch, was es mit dem Krokodilsmedaillon auf sich hat, dem wichtigsten Artefakt des gesamten Romans. Wer es trägt, soll unfassbar stark und noch vor seinem nächsten Geburtstag erschossen werden. Der Coup ist in der Vergangenheit nicht geglückt, denn Gegenstände reisen nicht mit in der Zeit, solange Miomir sie nicht in seinen Computer einspeist. Vanja und ihre Freunde erhalten den Auftrag, »das Medaillon zu bekommen, die Zeit zu reparieren und die Allneunziger zu überwinden« – spätestens jetzt sind alle Zutaten für einen Abenteuerroman beisammen.

Was Barbi Markovićs Schreiben auszeichnet: Sie findet radikal neue, eigenständige Formen, gleichzeitig lässt sie sich spielerisch offen von anderen Autorinnen und Autoren beeinflussen. Ihr noch auf Serbisch verfasstes, von Mascha Dabić übersetztes Debüt Ausgehen wurde als Thomas-Bernhard-Remix vermarktet; Marković übertrug hier Bernhards Gehen ins postjugoslawische Belgrad. Die verschissene Zeit trägt nun bereits im Titel eine Anspielung weltliterarischen Ausmaßes: auf den womöglich wichtigsten Roman über die Erinnerung, nämlich Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Der jedoch spielt, schon mit einem Fuß in der Tür zur Moderne, in der Belle Époque, einem kriegslosen Zeitalter der Glückseligkeit und des Überflusses (zumindest für einen Teil der Gesellschaft). Wirtschaft und Kultur florierten und die Bourgeoisie war satt und zufrieden wie nie zuvor, bis der Erste Weltkrieg dem Blühen und Gedeihen ein jähes Ende setzte. Stärker könnte der Kontrast kaum sein zu den wahrhaft verschissenen, desolaten Neunzigern, in denen Markovićs jugendliche Romanfiguren eine Bewährungsprobe nach der anderen meistern müssen und ansonsten die Zeit mit Mortal Kombat oder im Luftschutzbunker verbringen, während mit gemahlenem Karton gestreckte Pljeskavica das beste Comfort Food ist, gefolgt von Embargokuchen ohne Mehl und Eier. Dass sich Die verschissene Zeit zu Prousts Roman so verhält wie Ausgehen zu Thomas Bernhards Erzählung, kann man also nicht behaupten. Dahinter steckt aber mehr als bloß eine Wortspielerei im Titel; Markovićs Roman ist auch ein gewaltiger Erinnerungsexzess. Sie hat ein Buch über die Vergangenheit geschrieben, in dem es nicht einen einzigen nostalgischen Satz gibt. Und hin und wieder liest ihre Romanfigur Vanja in einer rosafarbenen Ausgabe der Suche nach der verlorenen Zeit. »Warten bedeutet, immer die gleiche Zeile zu lesen und dann wieder die gleiche Zeile und dann wieder von vorne die gleiche Zeile im Proust.«


WÖRTER: 1106

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