N°12/1| KULTUR | 01.12.21

Sokrates und Eulenspiegel

 

Über den Kulturpolitiker, Katholiken und Kommunisten Viktor Matejka, der am 4. Dezember 120 Jahre alt geworden wäre. Und über meine Begegnung mit ihm.

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VON WOLFGANG HÄUSLER

Wolfgang Häusler lebt als emeritierter Professor für Österreichische Geschichte in Wien und forscht zu Fragen der Revolution und Demokratie.

Viktor Matejka als Wiener Stadtrat, um 1948. (Foto: Votava / Imagno)

Es war im Orwell-Jahr 1984, die Ära Kreisky klang eben aus, da ich im Zuge meiner Studien zur Revolution von 1848 Verbindung mit Dr. Viktor Matejka aufnahm. Im ersten Band seiner Erinnerungen, der in diesem Jahr erschien – Widerstand ist alles. Notizen eines Unorthodoxen – hatte er von der »Ruinenbruchstückhaftigkeit« seiner (physischen) Existenz geschrieben. Seine damals 83 Lebensjahre konnte ich kaum glauben – dem Äußeren mit widerborstigem weißem Haar und Bart entsprach eine mit Witz gepaarte Hellsichtigkeit, die mir das Gespräch im Haus Theobaldgasse 15 unvergesslich macht. Seit 1998 ist die Stiege, die von Mariahilf zum Naschmarkt hinunterführt, nach Viktor Matejka, dem wohl interessantesten Kulturstadtrat Wiens, benannt.

Die Ansammlung seiner Porträts von nahezu allen bedeutenden österreichischen Künstlern des 20. Jahrhunderts und die Kollektion von Hähnen in allen Materialien (darunter eine Zeichnung von Oskar Kokoschka) waren damals schon durch Ausstellungen in der Sezession beziehungsweise Hermesvilla 1982/83 bekannt geworden; in ihrer Originalität und Überfülle überraschten sie dennoch in der dunklen Wohnung. Matejka hatte meine Habilitationsschrift – Von der Massenarmut zur Arbeiterbewegung. Demokratie und soziale Frage in der Wiener Revolution von 1848 (1979) – tatsächlich gelesen. Mit niemandem sonst habe ich so intensiv über dieses im österreichischen Geschichtsbewusstsein so wenig verankerte Thema gesprochen wie mit ihm. Am Ende unseres lebhaften Gedankenaustauschs, es war spät geworden, griff er in einen Berg von Papieren und Büchern in der Zimmerecke und förderte seinen Handakt zur Ausstellung anlässlich des 100. Jahrestags der Revolution von 1848 zutage. Er schenkte mir dieses Dokument seines Wirkens als Amtsführender Stadtrat für Kultur und Volksbildung. Es wurde und bleibt mir wertvolle »Anregung« – wie der Titel seines autobiografischen Buches Nr. 2 (1991) lautet.

Die Jahrhundertausstellung zu 1848 schloss eine Trilogie, die mit Niemals vergessen! Antifaschistische Ausstellung 1946 begann und 1947 mit der Wiederaufbau-Ausstellung fortgesetzt wurde. Die erste Ausstellung – die »Schau mit dem Hammer« (Wolfgang Kos angesichts des Plakat­motivs des das Hakenkreuz zerschmetternden Arbeiters) – sollte auf Anregung der sowjetischen Besatzungsmacht schon 1945 stattfinden. Technische Schwierigkeiten wie die notwendige Restaurierung des Künstlerhauses und Probleme bei der Materialbeschaffung verzögerten die Eröffnung, die ein hochrangiger Staatsakt werden sollte, bis zum 14. September 1946. In knapp hundert Tagen kamen 260.000 Besucherinnen und Besucher. Die Ausstellung sollte explizit der Umerziehung dienen: Registrierte ehemalige NSDAP-Mitglieder erhielten eine Einladung zum Besuch der Ausstellung und ihres Rahmenprogramms, um Gutpunkte für ihre Entnazifizierung zu sammeln. 

Der christliche Kommunist

Matejka, gleichzeitig mit der Unabhängigkeitserklärung der Republik Österreich von Bürgermeister Theodor Körner in der Stunde Null im April 1945 zum Kulturstadtrat ernannt, trug die Gesamtverantwortung für das Projekt. Die eindrucksvolle Gestaltung durch Victor Theodor Slama ist von späteren Ausstellungen zu diesem brisanten Thema kaum je erreicht worden. Heinrich Sussmanns Saal »Judenverfolgung – Judenvernichtung« mit den Teilbereichen »Erziehung zum Rassenhass«, »Ghettos in Österreich« und »Todesmühlen« war von erschütternder Aussagekraft. Sussmann, in der Resistance aufgegriffen, überlebte Auschwitz; er schuf die Glasfenster in der Zeremonienhalle der jüdischen Abteilung des Zentralfriedhofs und für die österreichische Gedenkstätte in Auschwitz, ferner das Denkmal für die Opfer des Faschismus auf dem Reumannplatz. Das Begleitbuch Niemals vergessen! Ein Buch der Anklage, Mahnung und Verpflichtung bleibt nach so vielen Versuchen, das Unfassbare sichtbar zu machen, immer noch wegweisend. Renner, Figl und Schärf schrieben die Vorworte, unter den Autoren waren Viktor E. Frankl und Rosa Jochmann. Die Ausstellung Niemals vergessen! begleitete die berühmte antifaschistische Briefmarkenserie mit acht Werten von 5 + 3 Groschen bis 2 + 2 Schilling (Entwurf von Alfred von Chmielowski, von ihm auch die Landschaftsserie). Zwei Motive, SS-Blitz und Hitler-Totenkopfmaske, wurden von den Alliierten verboten; sie sind nach dem Renner-Block die seltensten philatelistischen Raritäten seit 1945.


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