N°10 | POLITIK | 01.10.21

Neuversuche

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Von David Mayer

Der zweite Corona-Herbst bricht an, und er wird, so viel scheint sicher, mit der vierten Welle der Pandemie zusammenfallen. Der Geschmack gesellschaftlicher Bitterkeit erreicht derweil ein neues Ausmaß, weil sich staatliche Rhetorik und mediale Debatte in einer Diskussion um eine Impfpflicht verirren. Und das, obwohl klar sein sollte, dass ein solch staatliches Eingreifen kontraproduktiv wäre. Zudem, eine Impfpflicht kann nicht kompensieren, was auf zweierlei Ebenen zu kurz gedacht war. 

Erstens nach innen, wo man in Österreich nicht nur eine verpfuschte Impfkampagne im Frühsommer erlebte, sondern im Juli auch fatale Ansagen von Kanzler Sebastian Kurz (»Für Geimpfte ist die Pandemie vorbei«). Diese die Corona-Politik beherrschende Mischung aus autoritären Beschwörungen, raunenden Erlösungsansagen und beständiger Individualisierung zeitigte zum einen die Abkehr vieler Menschen von den »Autoritäten« und zum anderen trug sie zu einem immensen Depolitisierungsschub bei. Dabei wäre eine klare Haltung einfach zu formulieren gewesen: Impfen ist privat – und gerade deshalb politisch. Wer an dieser Tatsache beständig vorbei-nudgt und die Menschen bloß als Manipulationsobjekte, aber nicht als politische Akteurinnen behandelt, wird am Ende jene Impflücke bekommen, die hierzulande mittlerweile zum Problem geworden ist. 

Zu kurz gedacht ist all das, zweitens, auch nach außen: Der Provinzialismus österreichischer Provenienz hat sich zwar eifrig am nationalistischen Wettlauf um Impfstoffe beteiligt, aber unbeirrbar die Tatsache ausgeblendet, dass die Pandemie erst zurückweichen wird, wenn nicht nur in Österreich oder Europa, sondern in allen Weltregionen ausreichend Menschen eine Impfung erhalten haben. Covax, die von der WHO angestoßene Initiative zur global gerechten Impfstoffverteilung, existiert zwar, ist angesichts seiner objektiven Aufgaben aber auf beschämende Weise gescheitert. 

Von tatsächlich globaler Vision waren dagegen viele der vor zehn Jahren aufbrechenden Protestbewegungen. An den Arabischen Frühling haben wir zu Beginn des Jahres erinnert (siehe TAGEBUCH NO 12/1), in dieser Ausgabe wenden wir uns dem Jubiläum von Occupy Wall Street zu. Was in dem kleinen Zuccotti Park im südlichen Manhattan im September 2011 begann, scheiterte zwar – aber auf besondere Weise, wie Rodrigo Nunes in seinen Reflexionen auf Seite 16 ausführt. Kate Aronoff, die zur Generation jener gehört, die im Gefolge von Occupy politisiert wurden, bekräftigt die mittelbare Wirkmacht von Occupy – die sich auch (und im Kontrast zu ihrer horizontalistischen politischen Kultur) in einer Wiederbelebung der sozialistischen Bewegung in den USA äußerte. Das Gespräch mit ihr lesen Sie auf Seite 22.

Dass linke Anläufe, progressive Rührungen oder gar revolutionäre Erhebungen in ihrem Scheitern oft Erfolge für sich verbuchen, darüber hinaus aber auch viele unintendierte Konsequenzen haben können, ist einer der zentralen Gedanken in Philipp Sarasins Buch 1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart. Im Gespräch mit Karsten Krampitz erläutert der Schweizer Historiker einige seiner Thesen (Seite 44). 

Wenn wir schon bei der Macht von Folgewirkungen, dem Intendierten und Unintendierten im Ringen um gesellschaftliche Veränderung sind: Der anarchistische Schriftsteller und Aktivist Erich Mühsam trug dieses Motiv des beständigen Neuversuchs sowie eines sich lohnenden, ja notwendigen Vergeblichen bereits im Namen. Er weilte auch immer wieder in Wien, zuletzt im Jahr 1931. Andreas Pavlic beleuchtet diese vergessene Episode und zeigt ab Seite 40 einen Mühsam, der eine unbeugsame, aber optimistische Vanitas zu einer positiven Haltung formulierte: »Bei der nächsten Revolution werden wir vieles ändern und besser machen!« Ähnlich unser Autor Antonio Nunes zum Erbe der Occupy-Bewegung: »Im kommenden Jahrzehnt werden wir alles noch einmal machen müssen. Nur größer, stärker und besser.« Man sieht: Auch diese Ausgabe des TAGEBUCH kennt sich wiederholende Motive.