11 | REZENSIONEN | 03.11.2021

Herkulesaufgaben

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VON ANNA-ELISABETH MAYER

Miljenko Jergović
Der rote Jaguar
Schöffling & Co, 2021, 191 Seiten
EUR 22,70 (AT), EUR 22,00 (DE), CHF 30,90 (CH)


Miljenko Jergović ist ein kroatischer Schriftsteller, aber kein »Kroatischer Schriftsteller«. Er lebt in Zagreb, wurde jedoch 1966 im ehemaligen Jugoslawien in Sarajevo geboren, der jetzigen Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina. Sein neuer Roman Der rote Jaguar – von der renommierten Übersetzerin Brigitte Döbert ins Deutsche übertragen – spiegelt das. Jergović spürt darin der Zugehörigkeit nach, legt die Eingeweide des Nationalismus frei und liest daraus die Zukunft. 

So wird an dem Protagonisten Zoran sichtbar, wie bestimmend das Zugeordnetwerden ist. Zoran ist Serbe, der erst nach dem Krieg mit seiner Frau Borka nach Wien zieht, wo seine Kinder aufwachsen. Kinder, bei denen er froh ist, dass er sie als Österreicher parken kann. Doch wo immer Zoran auch hinkommt, spürt er eine Willkür der Zuschreibung – selbst dort, wo er aufgewachsen ist. Man liest ein feinfühlig wie melancholisch gestaltetes Porträt eines »Weggehenden«, das Fragen der An- und Ausgliederung, ja, der Dramatik und Unsagbarkeit nachgeht, und dringt gleichzeitig ein in ein Staatengebilde, das Anfang der 1990er brutal zerfiel. Macht und Ohnmacht der Markierung werden auf bestürzende Weise deutlich. Und doch schwingt durch alle Zeilen Humor: die beste Waffe gegen Vereinnahmungen. Der Roman besticht durch die Lust des Erzählens, die die Disziplin ihrer Anwendung bestrickend verdeckt. Der Vergleich drängt sich förmlich auf: elegant und wendig wie der titelgebende rote Jaguar. In einem solchen wird Zoran sitzen. Zoran, der alles abstreifen will, aber nicht kann, und einen unheilvollen wie zufälligen Zusammenstoß mit dem Sohn des Kroaten Ante Gavran haben wird, eines die Ustascha hochhaltenden Generals. 

Und so plötzlich, wie sich an Autofenstern vorbeiziehende Landschaften ändern können, befindet man sich mitten in der Dynamik von »Fake News«. Jergović legt auch hier deren Inneres frei. Ihre Dynamik einzudämmen ist zweifelsohne eine der Herkulesaufgaben der Zukunft – die man keinem Herkules überlassen sollte. Der von dem Unfall betroffene Sohn des Generals heißt übrigens Herkul, im Original ist dies der Romantitel. Kunstvoll zeigt Jergović, dass der Dynamik von Fake News eine Kraft innewohnt, die eine Macht der Verkettung besitzt, an deren Ende ein »Schrei, ein lang gezogenes A« ertönt: »[E]s dauert so lang, wie die Erdanziehung braucht, um siebzig Kilo Mann, fünfzig Kilo Frau, zwanzig Kilo Kind anzuziehen, und aus den Wohntürmen fallen Körper.« 


WÖRTER: 496

LESEZEIT : 3 MINUTEN

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