N°3REZENSIONEN | 27.02.20

Irgendwer McIrgendwas

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VON JANA VOLKMANN

Anna Burns
MILCHMANN
Klett-Cotta, 2020, 448 Seiten EUR 25,80 (AT), EUR 25,00 (DE), CHF 36,90 (CH)

Eigentlich passiert nichts: Zu Beginn des Romans geht Anna Burns’ Protagonistin spazieren. Sie liest ein Buch im Gehen. Dann hält ein Mann an, fragt, ob er sie mitnehmen kann, sie sagt nein, das Gespräch ist vorbei. Diese scheinbar banale Begegnung ist der Beginn einer völlig außer Kontrolle geratenen Kette von Verdächtigungen, unverhohlenen Drohungen und subtilem Argwohn.


WÖRTER: 380

LESEZEIT : 4 MINUTEN

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Milchmann spielt während der Troubles in Nordirland. Die Orte werden nicht benannt, genau wie die Figuren allesamt nur Spitznamen haben: älteste Schwester, Schwager eins, Irgendwer McIrgendwas. Aber dass es sich bei der Stadt wohl um Belfast handelt, bei der Zeit um die 1970er, lässt sich recht eindeutig herauslesen. Ein Pärchen aus der Nachbarschaft führt eine schwarze Liste mit »verbotenen Namen«, sie sind »unzulässig, weil sie zu sehr nach dem Land auf der anderen Seite der See« klingen: Nigel, Jason, Lambert und so fort. Mädchennamen sind indes kein Politikum. Die Protagonistin ist 18 (alt genug, dass ihre Mutter seit zwei Jahren den fehlenden Heiratskandidaten bemängelt). Milchmann ist auch ein Coming-of-Age-Roman – angesiedelt in einer Umgebung, in der Mädchen und Frauen weder intellektuell noch als politische Subjekte ernst genommen werden, dafür aber permanent sexualisiert. Der Spaziergang mit Buch ist in doppelter Hinsicht ein Fluchtversuch: raus aus dem Zuhause, hinein in die Literaturen den 19. Jahrhunderts. Sie liest Gogol und Sir Walter Scott. Und sie lernt Französisch, einfach so. Das sind keine Details, sondern subversive Akte. Weil alles und jede beschattet und auf den geringsten Verdacht (potentiell) mit Waffengewalt reagiert wird, ist jede Abweichung von der Norm bedeutsam – und gefährlich. 

Der Mann, der ihr den Beifahrersitz angeboten hat, wird von allen der Milchmann genannt, dabei kauft niemand bei ihm Milch. Er ist mehr als doppelt so alt wie sie. Gerüchte machen die Runde. Dass zwischen ihr und dem Milchmann nichts läuft, nimmt der Hauptfigur niemand ab – und es macht keinen Unterschied. Wahr ist, was die Leute glauben. Er ist eine zutiefst bedrohliche und verstörende Figur, nicht zuletzt, weil weder die anderen Romanfiguren noch die Leserinnen und Leser wissen können, welchen Verbrechen er sich eigentlich schuldig macht.

Eine solche Geschichte kann nicht gut enden. »Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb.« So lautet der erste Satz des Romans, dessen eigensinnige, leuchtend klare Sprache eine völlig neue Art des Erzählens über menschliche und politische Tragödien ermöglicht. 

Anna Burns wurde 1962 in Belfast geboren. Schon in ihrem Romandebüt No Bones verhandelt sie den Nordirlandkonflikt. Aber als 2018 Milchmann erschien und mit dem renommierten Man Booker Prize geadelt wurde, hat sie endlich über den englischsprachigen Raum hinaus an Aufmerksamkeit gewonnen. Für ihre herausragende Literatur gilt mehr denn je: Kein historischer Roman, der etwas auf sich hält, behandelt nur die Vergangenheit.

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