N°9 REZENSIONEN | 30.08.20

Rockrebellen und Muttersöhnchen

1995 erschien mit Sex Revolts ein Standardwerk über Misogynie im Rock. Mit reichlicher Verspätung liegt es nun endlich auch auf Deutsch vor. 

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Von Karin Cerny

Joy Press / Simon Reynolds 
SEX REVOLTS
Gender, Rock und Rebellion
Aus dem Amerikanischen von 
Jan-Niklas Jäger 
Ventil Verlag, 2020, 472 Seiten
EUR 30,90 (AUT), EUR 30,00 (D), 
CHF 41,50 (CH)

Über Sexismus in der Musik zu schreiben, klingt einfach. Vieles liegt auf der Hand: von den Macho-Posen an der Gitarre bis zur testosterongeladenen Selbstüberhöhung in Rap-Lyrics. Dass es sich dabei nicht um punktuelle Ausrutscher, sondern um ein »psychosexuelles Fundament« handelt, weisen Joy Press und Simon Reynolds in ihrem Buch Sex Revolts nach.

Männlichkeit definieren die beiden als Genderrolle, die man einübt. Mit Klaus Theweleits Männerphantasien im Handgepäck analysieren sie, wie sich der Rockrebell gegen familiäre Häuslichkeit wehrt (Stichwort: Bruce Springsteens Born to run) oder die Musik-Krieger (The Clash, Public Enemy) männliche Kameradschaft feiern, wie Gendertouristen, die sich als feminin inszenieren, trotzdem ein problematisches Frauenbild prolongieren und »psychodelische Muttersöhnchen« wiederum Weiblichkeit mythisch überhöhen. Allen Strategien gemeinsam ist, dass sie wenig Platz für reale Frauen lassen. Rock-Rebellion war lange vorwiegend Männersache, für Frauen blieben oft nur die Rollen der Muse, der Gangsterbraut oder des Groupies: Sie stehen stets am Rand und beobachten die Heldentaten der Männer. 


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