Kommunardinnen der Weltpolitik

von Richard Schuberth

425 wörter
~2 minuten
Kommunardinnen der Weltpolitik
Kristin Ross
LUXUS FÜR ALLE - Die politische Gedankenwelt der Pariser Commune
Matthes & Seitz, 2021, 203 Seiten
EUR 20,60 (AT), EUR 20,00 (DE), CHF 26,90 (CH)

Die deutsche Übersetzung von Communal Luxury (2015) erscheint zur rechten Zeit, nicht allein zum 150. Jahrestag der Pariser Commune, sondern an einem Wendepunkt der Geschichte, da die Systemkrise des Kapitalismus eine Neuausrichtung linker Praxis, linken Denkens erfordert, die nicht im abgenutzten Rigorismus einander bekämpfender Schulen, sondern in deren schöpferischer Synthese bestehen müsste. Alle Wege einer Linken indes, die sich nicht auf eine Humanisierung des totalitären Neoliberalismus beschränken will, führen zurück ins Paris des Jahres 1871.

Darstellungen der Commune beschränken sich gemeinhin auf Ereignisgeschichte, nicht auf ihre Ideale, sondern – wie Marx durchaus anerkennend meinte – »ihr eignes arbeitendes Dasein«. Doch die kommunale, feministische und antistaatliche Praxis der Kommunarden entstand nicht erst auf den Barrikaden. In ihrer glänzend und erfrischend unakademisch geschriebenen Studie über die Geisteswelt der Commune illustriert die Romanistin Kristin Ross die eigenen Wege, welche die Teilnehmerinnen vor, während und nach der Commune beschritten. Im Paris des Frühlings 1871 ging manche Praxis der Theorie voraus: Louise Michel, André Léo und Jelisaweta Dmijitrewa etwa entwerfen einen proletarischen Feminismus; revolutionäre Kleinbürger (in der linken Mythographie oft die Buhmänner des Klassenspektrums), zumeist Handwerker, firmieren als Überwinder des liberalen Korporationismus hin zu einem kommunalen Sozialismus; Künstler wie Gustave Courbet und Eugène Pottier entwerfen Modelle einer autonomen Kunstpolitik. Einig sind sie sich alle in der radikalen Ablehnung von Kapital, bürgerlichem Staat, Kirche und Nation – Paris hört auf, Hauptstadt Frankreichs zu sein, sie erhebt sich zur Hauptstadt einer ideellen Weltrepublik, und in diesem internationalistischen Fokus werden Denker wie Marx,
William Morris und Pjotr Kropotkin neben etlichen Überlebenden zu Theoretikern der Commune ex post. 

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