Aus dem Gestrüpp von Emotion und Propaganda

von John Bunzl

Illustration: Lea Berndorfer

Viele Jahre lang galt die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance als Richtschnur dafür, was Antisemitismus ist. Mit der Jerusalem Declaration on Antisemitism gibt es nun eine Alternative dazu.


941 wörter
~4 minuten

Die Bemühungen, Antisemitismus »richtig« zu definieren, führen seit Jahren zu heftigem Streit. Eine schwammige, 2016 veröffentlichte Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) hat das Fenster zu einem willkürlichen Umgang mit dem Phänomen weit geöffnet. Da sie Antisemitismus primär unter Linken und Muslimen ausmacht, besteht Grund, sie kritisch zu hinterfragen. Die neue Jerusalem Declaration on Antisemitism (JDA), im Deutschen auch einfach Jerusalem-Erklärung, hilft bei dieser Dekonstruktion und bietet eine alternative Art, Antisemitismus zu verstehen.

Um die Differenz zwischen der IHRA-Antisemitismus-Definition und der JDA zu verstehen, ist es unerlässlich, auf Palästina selbst zurückzukommen. Das im 19. Jahrhundert entstandene zionistische Projekt in dieser Region war von seinem Ursprung her ein Siedlungsunternehmen. In dem damit verbundenen Diskurs setzte sich früh die Sichtweise durch, dass der Widerstand »der Araber« vor allen anderen Dingen von Antisemitismus angetrieben sei und diese nicht einfach nur auf einen Prozess der Landnahme reagierten. 

Israel selbst ist mittlerweile zu einem mächtigen Staat von internationaler Relevanz geworden. So haben sich auch die Rechtfertigungen seiner Politik geändert. Konnte man Israel nach dem Holocaust noch als Rettungsanker für die Überlebenden oder als gesellschaftlich fortschrittliches Projekt sehen, so wurde es spätestens nach 1967 immer schwieriger, Okkupation und Kolonisierung zu erklären. Die Betonung antisemitischer Motive der Gegner diente fortan verstärkt der Rationalisierung des eigenen Handelns. 

Und da sich der israelische Standpunkt bei vielen Diskussionen, vor allem an US-amerikanischen Universitäten, nicht durchsetzen konnte, wählte man die Denunziation der Gegner und Gegnerinnen als geeignete Form der Auseinandersetzung. Um Antisemitismus ging es dabei von allem Anfang an kaum. Das zeigen die Ursprünge des in der IHRA-Definition gefassten Antisemitismusbegriffs im Jahr 2003, als Natan Sharanski, damals israelischer Minister für Diaspora-Fragen, Antisemitismus vorwiegend an der Kritik an Israel festmachte und die These von den »drei D« aufstellte: Delegitimierung, Dämonisierung und doppelte Standards in der Haltung zu Israel, so Sharanski, seien die Hauptmerkmale des Antisemitismus von heute. 

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