Vertraute Feinde

von Christian Bunke

Illustration: Aelfleda Clackson

Im Zuge der Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen gerät die Polizei mit einem Bevölkerungsteil in Konflikt, den sie bislang zu ihren Bündnispartnern zählte – dem konservativen und rechten Mittelstand.


2473 wörter
~10 minuten

Reißt euch die Fetzen aus dem Gesicht«, ruft der Musiker über seine Akustikgitarre hinweg in das Mikrofon. Die langen Haare kleben ihm nass an den Schläfen, gute Stimmung will bei dem Wetter nicht so recht aufkommen. Im Nieselregen vor der Bühne wickelt man sich die mitgebrachten Österreichflaggen um die Schultern. Am Rande des Wiener Heldenplatzes, gegenüber der Bühne vor der Nationalbibliothek, stehen mehrere Leute mit einem Pappschild: »Polizei und Militär bringt uns unsere Freiheit wieder her!« Etwas weiter vorne hält ein Mann ein anderes Schild hoch: »Berufssoldaten gegen Impfpflicht«. Währenddessen gehen Polizisten in Gruppen durch die Reihen und fordern die Anwesenden auf, eine Maske zu tragen. Ein aussichtsloses Unterfangen, denn kaum jemand unter den hunderten Versammelten trägt einen Mund-Nasen-Schutz. Ein junger Mann zeigt ein Attest vor, das ihn von der Maskenpflicht befreit. Er bleibt an diesem letzten Jänner-Samstag unbehelligt. Im Abgang klopft er dem Beamten kumpelhaft auf die Schulter.

Es sind Szenen wie diese, die seit einigen Monaten für ungläubiges Staunen sorgen: uniformierte Einsatzleiter, die Aktivisten aus dem rechtsextremen Milieu freundschaftlich per Faustcheck begrüßen. Polizisten, die mit Demonstrantinnen fröhlich grinsend Selfies aufnehmen. Nicht zuletzt die einsatztaktische Zurückhaltung, selbst dann, wenn Demonstranten auf Polizeiketten zustürmen und diese angreifen. Den Teilnehmerinnen der Anti-Maßnahmen-Demonstrationen begegnet die Wiener Polizei so, wie man es nicht von ihr kennt – zuvorkommend. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass sich – der kruden Mischung der Demonstranten zum Trotz – der harte Kern aus Kadern des rechtsextremen und neofaschistischen Milieus zusammensetzt.

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