Lügen lernen

von Iuditha Balint

KRITIK & ZÄRTLICHKEIT 2: Begriffe, die wir nutzen, unser Ton, die Lautstärke, die Sprachmelodie, all das kann unsere Herkunft angeben.

Was und wie erzählt und rezipiert wird, wird durch Herkunft mitbestimmt. Durch Klassenzugehörigkeit. Sehr schön nachzulesen etwa in Annie Ernaux’ Die leeren Schränke – und vielen anderen autofiktionalen Romanen über bildungsbedingte Fortbewegung von einer prekären sozialen Herkunft, von der Armut, in ein bürgerliches, finanziell besser gestelltes, intellektuelles Milieu. Ernaux’ Roman ist 1974 erschienen und war ihr Debüt. Er handelt vom erstarkenden Bewusstsein der jungen, noch schulpflichtigen Denise Lesur für – wie sie annimmt: angeborene und selbstverschuldete – Klassenunterschiede, ihrer Entfremdung vom prekären Herkunftsmilieu, der doppelten Nichtzugehörigkeit. Von Einsamkeit und Isolation qua Bildung.

Richard Hoggart hat in seiner für diesen Zusammenhang bahnbrechenden Monografie Uses of Literacy bereits 1957 darauf aufmerksam gemacht, dass sich Menschen in Kommunikationssituationen mittels ihrer Ausdrucksweise unfreiwillig einer Klasse zugehörig zu erkennen geben. Karin Struck formuliert es 1973 in ihrem Roman Klassenliebe so: »Ich rede kitschig? Die anderen sind nur raffinierter.«

In der Tat können die Begriffe, die wir nutzen, kann unser Ton, die Lautstärke, die Sprachmelodie unsere soziale Herkunft angeben. Sprache ist aber nicht alles. Zu den ersten Unterschieden, die Denise Lesur zwischen ihr und ihren Klassenkameradinnen auffallen, gehört die Vorliebe zu einer bestimmten Art des Humors und zu bestimmten Erzählinhalten. Was in ihrem eigenen familiären Umfeld als amüsant und erzählenswert erscheint, finden die höheren Töchter weder witzig noch relevant. Zwischen der prekären sozialen Herkunft und der »tellability« prekärer Lebenswelten besteht hier keine Korrelation.

Es wird also sozial ausgegrenzt. So beginnt die junge Lesur-Tochter zu leugnen und zu lügen. Sie will dazugehören und kann erzählen. Und schon leugnet sie ihre Herkunft und erfindet ein anderes, schillerndes Familienleben, das dem der Klassenkameradinnen ähnelt und doch ein wenig besser, abenteuerreicher, interessanter ist. Über reiche Verwandte, die teure Spielzeuge schenken. Und es passiert: Der Protagonistin wird endlich zugehört, und da die Lüge im Roman zu Fiktion wird, ist das, was wir beim Lesen tun, ein Lügenhören zweiter Ordnung.

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