Alienation
von Jan Kuhlbrodt
EUR 25,50 (AT), EUR 24,00 (DE), CHF 33,50 (CH)
Nahphantastische Erzählungen war der Untertitel eines vor einigen Jahren bei mikrotext erschienen Buches von Sina Kamala Kaufmann. Gut könnte man diesen Untertitel auch als Genrebezeichnung verwenden, gerade für das vorliegende Werk, denn es erzählt eine Zukunftsgeschichte, die mit einem Bein noch in der Gegenwart steht, und vielleicht gerade im Begriff ist, aus ihr herauszutreten.
Der Leser oder die Leserin beobachtet einen Antihelden, der am Ende versucht, das Künftige aus dem Gegenwärtigen zu exstirpieren, um wieder herzustellen, was ihm letztlich zwar gewohnt, aber doch nicht allzu vertraut ist. Allerdings wird dies naturgemäß misslingen. Über dieses Misslingen jedoch erhält sich die soziale Struktur. Der Versuch, Klassenschranken zu durchbrechen, führt zu deren Reproduktion. Eine Grunderfahrung im gegenwärtigen Deutschland.
Was sich in dieser Beschreibung wie ein soziologischer Text auf den Spuren Bourdieus anhört, ist jedoch höchst unterhaltsame Literatur. Klug, im besten Sinn parteiisch und kurzweilig, ohne den dräuenden soziologischen Anspruch aufzugeben. Im Grunde die Quadratur des Kreises – aber wir befinden uns ja auch im Bereich der Phantastik, und es ist nötig, um die Realität der Gegenwart literarisch zu treffen, ein wenig über sie hinaus zu zielen. So verbinden sich Phantastik und Realismus zu so etwas wie Erkenntnis.
In drei Teilen und vergleichsweise knappen Kapiteln erzählt Schmidt die Geschichte einer Verstörung. Ein Fremder tritt zu einem Freundeskreis und macht damit letztlich die strukturell auf verschiedenen Ebenen schon vorhandene Entfremdung sichtbar. Der Ich-Erzähler Sascha arbeitet in einem Supermarkt für gehobene Ansprüche. Feilgeboten werden in der Feinkostabteilung exotische Früchte, Käse und andere Lebensmittel, die sich Sascha und sicher auch die anderen Mitarbeitenden selbst nicht leisten können. Sascha lebt mit seiner Lebensgefährtin Elodie und drei Kindern zusammen und hat in Jan eine Art besten Freund, der allerdings einer anderen sozialen Schicht angehört und scheinbar über enorme Finanzmittel verfügt. Dieser Jan bekommt eines Tages das Angebot, eine Zeitlang einen gewissen Charly auszuprobieren. Jan bringt Charly mit zu den Treffen des Freundeskreises. Charly ist mehr als ein Roboter, oder das, was heutzutage als künstliche Intelligenz durchgeht. So ganz ist er nicht zu fassen. Es ist sein Anliegen, oder er ist darauf programmiert, sich in die soziale Gruppe einzugliedern. Aber Charlys Produktcharakter irritiert Sascha, der später versucht, ihn im Wortsinn auszuschalten. Ihn, »der ja kein Mensch ist«, so eine wiederkehrende Wendung in seinem Bericht, den zu schreiben er vom Rest des Freundeskreises gezwungen wird.
Durchschossen ist der Roman von Gedichten, die insofern Bestandteil der Fabel sind, als dass sie der erzählende Antiheld entwirft und, um sie zu veröffentlichen, in Leuchtfarben auf T-Shirts druckt.
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