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Biografische Feinarbeit

von Andreas Pavlic

479 wörter
~2 minuten
Biografische Feinarbeit
Brigitte Rath
Frei denken, frei leben
Olga Misař. Aktivistin, Pazifistin, Feministin
Mandelbaum, 2025, 422 Seiten
EUR 29,00 (AT), EUR 29,00 (DE), CHF 39,65 (CH)

Politisch bedeutsame Personen der zweiten Reihe rückten bisher seltener in den Fokus«, schreibt die Historikerin Brigitte Rath in der Einleitung zu ihrer umfangreichen biografischen Arbeit über die Feministin, Pazifistin und Aktivistin Olga Misař. Ein paar Zeilen vorher weist sie darauf hin, dass früher vor allem die großen Männer als biografiewürdig galten. Beim Lesen des Buches über Olga Misař wird recht schnell klar, wie bedeutend diese Frau aus der zweiten Reihe war, und es stellt sich die Frage, ob diese Reihe nicht die politisch und sozial bedeutendere ist. Denn hier werden die gesellschaftlich relevanten Themen aufgegriffen und verhandelt. Hier ist der Transmissionsriemen des politischen Diskurses und der Meinungsbildung eingehängt.

Misař selbst deckte ein politisch breites thematisches Spektrum innerhalb ihrer beiden zentralen Wirkungsbereiche, der Frauen- und der Friedensbewegung, ab. Sie war unter anderem Funktionärin der feministischen Gruppen WILPF (Women’s International League for Peace and Freedom), die heute noch aktiv ist, sowie der IFFF (Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit). Sie schrieb in ihrer Karriere unzählige Artikel, hielt Vorträge und trat bei den verschiedensten Kundgebungen und Versammlungen als Rednerin auf. Zwischen 1911 und 1913 war sie Redakteurin der Zeitschrift des Bundes für Mutterschutz, engagierte sich für eine alle Frauen umfassende Mutterschutzversicherung und setzte sich für den Abbau von Vorurteilen gegenüber ledigen Müttern ein.

Mit ihrer sexualethischen Broschüre Neuen Liebesidealen entgegen liefertesie 1919 einen Beitrag zur damaligen Diskussion über freie Liebe, die sich, so erklärt Brigitte Rath, zumeist um Partnerschaften außerhalb der Ehe drehte. Misař selbst war verheiratet, hatte zwei Töchter und eine kurzfristige außereheliche Beziehung. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde sie auch zu einer zentralen Person innerhalb der anarchistisch geprägten Antikriegsbewegung, leitete den Bund der Kriegsdienstgegner und gab dessen Zeitschrift heraus. Neben der jährlichen »Nie wieder Krieg«-Demonstrationen und der Vernetzung mit der bürgerlichen und sozialdemokratischen Friedensbewegung wurde die Wehr- und Kriegsdienstverweigerung propagiert. Misař schreibt hierzu, dass es wichtig sei, »eine Organisation zu schaffen, in der der Einzelne Halt findet und Gründe für die Friedensarbeit lernt, sowie sich gegen Kriegshetze zu wappnen.«

In den 1920er-Jahren beschäftigte sie sich auch mit der sozialistischen Genossenschaftsbewegung. Für sie war klar, dass die »Friedensbestrebung mit einer Verringerung ökonomischer Ungleichheit zusammenhängt«. Die politischen Kräfte, die gegen Militarisierung und für die Überwindung der sozialen Ungleichheit auftraten, waren damals zu schwach. Heute scheinen sie noch einmal schwächer zu sein. 1936 wurde der Bund der Kriegsdienstgegner aufgelöst, 1939 flüchteten Olga und ihr Mann Wladimir Misař nach England, wo sie 1950 verstarb.

Zu Beginn schreibt Brigitte Rath, dass Biografien Schnittstellen zwischen allgemeiner und individueller Geschichte bildeten und es darum gehe, das Verhältnis zwischen Individuum und gesellschaftlichen Strukturen und Mustern herauszuarbeiten. Dieses Unterfangen ist ihr gelungen. Und die Aktivistin Olga Misař, mit ihrem imposanten Leben, hat nun endlich eine Biografie, die sie verdient.

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