Samuel Stuhlpfarrer (Bildmitte) mit den Laudator:innen Sonja Luef und Alfred J. Noll. (C) Medienhaus Wien | Jacqueline Godany

»Gegen die Herrschaft der toten Vergangenheit über die lebende Gegenwart«

von Redaktion

Am 17. Oktober wurde Samuel Stuhlpfarrer für die »mutige Neugründung eines streitbaren Printmagazins mit hoher Textqualität« mit dem Walther-Rode-Preis 2022 geehrt. Wir dokumentieren an dieser Stelle die Dankesrede unseres Gründers.


985 wörter
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Sehr geehrte Damen und Herren,

geschätzte Kolleginnen und Kollegen vom Medienhaus Wien,

liebe Freundinnen und Freunde aus dem und rund um das Tagebuch,

ich bedanke mich für diese Laudatio, und ich bedanke mich für diesen Preis! Ich gebe es gern zu, er bringt mich in Verlegenheit – das hat vor allem mit dem Namensgeber zu tun: Walther Rode steht für mich exemplarisch für das integre, fortschrittliche, weltgewandte Wien der Zwischenkriegszeit, und – das soll gerade in diesen Tagen nicht unerwähnt bleiben – für eine publizistisch unerbittliche Gegnerschaft zu Krieg und Nationalismus. Dass ihm sein früher Tod die Weltkatastrophe, gegen die er frühzeitig und unentwegt angeschrieben hat, erspart hat, ist vielleicht das Versöhnlichste an der Biografie dieses mit den herrschenden Verhältnissen Unversöhnlichen.

1925 schreibt er diesen schönen Satz, in dem Klaus Bittermann, neben Alfred Noll wohl einer der besten Kenner Rodes, zu Recht »Anklänge aus der Marxschen Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie« ausgemacht hat: »Gegenstand des Pamphlets (gemeint ist die von Rode herausgegebene Broschüre Aus der Wiener Justiz) ist der Kampf gegen das Erstarrte ohne Sinn, gegen die Herrschaft der toten Vergangenheit über die lebende Gegenwart.« Was Walther Rode hier formuliert, es könnte auch die inhaltliche Ausrichtung des TAGEBUCH beschreiben; das, wofür ich diese Zeitschrift im Jahr 2019 gegründet habe; das, wofür wir sie Monat für Monat produzieren.

Es ist, das soll an dieser Stelle auch nicht unerwähnt bleiben, nicht zuletzt ein Verdienst des Medienhaus Wien, dass der Name Walther Rode seit einigen Jahren wieder in diesem Land herumschwirrt; dass ihn junge Journalistinnen und Journalisten zu Gehör bekommen und sich auf die Spuren dieses wortgewaltigen Verteidigers des Rechts der Schwächeren begeben können. Das tut einer Branche, die seit zwei Jahrzehnten immer mehr Handwerk, aber immer weniger Weltsicht nachfragt, und in der – mittlerweile gewohnheitsmäßig – Meinung mit Haltung verwechselt wird, ganz gut.

Mir wiederum tut dieser Preis gut. Er ist, und auch das gebe ich gerne zu, eine willkommene Anerkennung für einige doch recht mühevolle Jahre. Das TAGEBUCH ist das, was ich immer wollte und zugleich das, worunter ich bisweilen leide. Nicht zuletzt ist es aber etwas, das nicht ohne den Beitrag und das Vertrauen ganz vieler Menschen entstehen und sich zumindest bis heute hätte halten können. 

Und dafür möchte ich mich bedanken: Zuallererst bei meiner Partnerin Libertad Hackl: Ohne dich und deine Unterstützung würde es diese Zeitschrift nicht geben! Meinen Kindern Karla, Alma und Levi danke ich für ihre Nachsicht angesichts der oft knapp bemessenen gemeinsamen Zeit in den letzten Jahren – ich danke euch!

Eine Zeitschrift wie die unsere lebt von ihren Beiträgerinnen und Beiträgern, die uns – beileibe nicht für das beste Honorar – Monat für Monat mit Ideen, Texten, Gesprächen und Besprechungen versorgen. Ihnen allen, unseren Autorinnen und Autoren und unseren Fotografinnen und Fotografen, allen voran Christopher Glanzl, möchte ich danken. 

Ich danke meiner Redaktion und beginne mit David Mayer: Lange bevor diese Zeitschrift sich zu materialisieren begonnen hat, war er es, mit dem ich mich über Form und Inhalt eines damals noch bloß als Idee vorhandenen Mediums austauschen konnte, der mich in meinen Absichten immer bestärkt hat und der seit der Gründung nicht nur als Redakteur mit an Bord ist, sondern auch ein Ansprechpartner und Freund für alle möglichen großen und kleinen Fragen geblieben ist. Ich danke Benjamin Opratko, der ebenfalls seit der Gründung und bis heute ein entscheidender Ideengeber ist. Mein Dank gilt auch Jana Volkmann, die relativ früh zu uns gestoßen ist und die seither die Art und Weise, wie wir uns mit der Welt der Bücher auseinandersetzen maßgeblich bestimmt. Ich danke unserem Textchef Jannik Eder und unserem Artdirektor Christian Wiedner, die für das sprachliche und das visuelle Gesicht des TAGEBUCH verantwortlich sind. Apropos visuelles Gesicht: Mein Dank gilt in diesem Zusammenhang auch unseren bisherigen Jahrgangsillustratorinnen und -illustratoren Christoph Kleinstück, Lea Berndorfer und Aelfleda Clackson.

Danken möchte auch ich unseren ausgeschiedenen Redaktionsmitgliedern Paula Pfoser, Tyma Kraitt und Lisa Kreutzer, die in je unterschiedlichen Phasen das TAGEBUCH mitgeprägt haben. Und ich freue mich auf Sonja Luksik und Kathrin Niedermoser, die unsere Redaktion demnächst verstärken werden.

Eine Zeitschrift wird freilich nicht nur am Bildschirm gemacht, sie muss gedruckt, gebunden, verpackt, verschickt, in den Handel und zur Abonnentin bzw. zum Abonnenten gebracht werden – und deshalb gilt mein Dank auch allen Handarbeiterinnen und Handarbeitern, insbesondere jenen in unserer Druckerei, der Medienfabrik Graz.

Dass es das TAGEBUCH heute gibt, verdankt sich aber nicht zuletzt auch einzelnen Personen, die ich um Unterstützung bitten konnte, wenn die Not im Verlag besonders groß war, schließlich glichen die vergangenen drei Jahre auch in wirtschaftlicher Hinsicht einem Husarenritt. Zwei davon sind heute anwesend, und auch wenn ich sie nicht nennen möchte, sollen sie wissen, dass auch ihnen mein allergrößter Dank gilt – und dass ich bestimmt wiederkomme.

Ihr alle tragt dazu bei, dass das TAGEBUCH ist, was es heute ist: Ein publizistischer Versammlungsort, an dem kontemplative Essays auf Sozialreportagen treffen, wo ausführliche Gespräche Hand in Hand mit hintergründigen Analysen gehen; ein Ort, an dem Wert auf Gestaltung gelegt wird, ohne dass der Text darüber zum Beiwerk verkommt; einer, der in inhaltlicher Hinsicht frei von behaupteter Objektivität ist, bespielt von Menschen, die die Herrschenden nicht bloß kontrollieren, sondern sie demaskieren wollen. Ein Ort, ganz gewiss auch einer am Rand, von dem aus wir uns angeschickt haben, »gegen das Erstarrte ohne Sinn«, »gegen die Herrschaft der toten Vergangenheit über die lebende Gegenwart«, anzuschreiben.

Mehr an programmatischer Ansage gibt es heute nicht – da halte ich es mit meinem schon erwähnten Kollegen David Mayer: Andere mögen erfahren wollen, wohin der Dampfer fährt, uns hingegen reicht es schon, zu wissen, dass er gerade nicht sinkt.

Vielen Dank!

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