N°2DEBATTE | 30.01.20

Alternativen zum Raubbau?

Das Ende der Linksentwicklung in Lateinamerika hat viele Gründe. Alternative Gesellschaftsprojekte verlangen nicht nur veränderte politische Kräfteverhältnisse, sondern auch einen grundlegenden Umbau der Wirtschaft.

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VON ULRICH BRAND

Ulrich Brand ist Professor für Internationale Politik an der Universität Wien. Im Juni erscheint sein neues Buch Post-Wachstum und Gegen-Hegemonie. Klimastreiks, Krise der imperialen Lebensweise und Alternativen zur autoritären Globalisierung im VSA-Verlag.

Der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano veröffentlichte vor fast 50 Jahren seinen Welt-Bestseller Die offenen Adern Lateinamerikas, in dem er eine andere Perspektive auf die Kolonialgeschichte des Kontinents einnahm. Es war kein wissenschaftliches Buch im engeren Sinne. Galeano verstand sich immer als jemand, der die Geschichte aus Sicht der »kleinen Leute« und der Opfer von Gewalt, Ausgrenzung und Ausbeutung erzählt. Das Buch zeigt akribisch auf, wie Lateinamerika seit Beginn der Eroberung 1492 nicht nur politisch beherrscht wurde, sondern eine bestimmte Funktion in der globalen Wirtschaftsordnung innehatte: die des Lieferanten von natürlichen Ressourcen, von metallischen, agrarischen und fossilen Rohstoffen. 


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Die progressiven Regierungen, die seit dem Wahlsieg von Hugo Chávez in Venezuela im Jahr 1998 Teil der »linken Strömung« waren, bezogen sich alle immer wieder auf die Überlegungen von Galeano: in Brasilien etwa Präsident Lula da Silva ab 2002, in Argentinien Néstor Kirchner (ab 2003), in Uruguay Tabaré Vázquez (ab 2004) und in Bolivien und Ecuador die »sozialistischen« Präsidenten Evo Morales (ab 2005) und Rafael Correa (ab 2007). Sie alle wollten auf jeweils unterschiedlichen Wegen die »offenen Adern« schließen. Durch eine wirtschaftliche Entwicklung, die weniger vom Weltmarkt abhängig ist, durch eine Stärkung der regionalen Integration in Lateinamerika und durch den Auf- und Ausbau eigener Industriestrukturen. Heute sehen wir das Ende dieser zunächst von vielen Menschen weltweit politisch begrüßten und begleiteten Linksentwicklung in Lateinamerika. 

Es begann zunächst verheißungsvoll. Seit dem Jahr 2003 stiegen die Preise für Rohstoffe weltweit enorm an. Plötzlich hatten die Regierungen unvorstellbar viele finanzielle Möglichkeiten zur Verfügung – und damit wirtschafts- und sozialpolitischen Handlungsspielraum. Auslandsinvestitionen und Beschäftigungszahlen stiegen deutlich an. Die Ressourcenexporteure schienen dauerhaft zu materiellen Gewinnern der Globalisierung zu werden. Wer nach den meist negativen ökologischen Auswirkungen fragte, wurde geflissentlich übergangen.

»ES GEHT DARUM, EIN MODELL ZU DURCHBRE- CHEN, DAS WESENTLICH AUF ›SOZIALER INTEG- RATION DURCH KONSUM‹ BASIERT.«

Etwas mehr als zehn Jahre später sollten die Rohstoffpreise einbrechen. Die progressiven Regierungen gerieten doppelt unter Druck: von der Rechten, die sich politisch in einigen Ländern wieder gesammelt und im Falle Brasiliens auch radikalisiert hatte. Und, angesichts des kaum mehr einzulösenden Versprechens vom Wohlstand für alle, von der eigenen Basis. Die Mittelklassen, die sich unter den fortschrittlichen Regierungen wirtschaftlich verbessern konnten, wollten ihren Status verteidigen und von Umverteilung an die ganz Armen wenig wissen. Sie wählten auch deshalb rechts.

Was können wir davon lernen? Ein alternatives Gesellschaftsprojekt, das heute auch die ökologische Dimension einschließt, bedarf nicht nur veränderter politischer Kräfteverhältnisse, sondern ebenso eines grundlegenden Umbaus der Wirtschaft. Dazu müssten die internationalen wirtschaftlichen Bedingungen gerechter und stabiler sein. Dahingehende Erfahrungen gibt es aus den 1970er Jahren, als es für einige Produktgruppen internationale Abkommen zur Preisstabilisierung gab. Darüber hinaus müssten wirtschaftliche Alternativen in den Ländern selbst entstehen, etwa in Form starker und transparenter öffentlicher Sektoren. Jedwede wirtschaftspolitische Alternative dürfte sich aber nicht nur mit dem Aufbau von Neuem befassen. Dringend geboten wäre eine Schwächung der Großgrundbesitzer und der kapitalistischen, oft internationalen Großunternehmen – genau das aber haben die linken Regierungen in Lateinamerika unterlassen. Und schließlich ginge es darum, eine Lebensweise zu etablieren, die nicht um Billigprodukte aus China, aber auch aus dem eigenen Land kreist, darum also, ein Modell zu durchbrechen, das wesentlich auf »sozialer Integration durch Konsum« basiert. Und zwar nicht nur in Lateinamerika. 

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