N°2|DEBATTE|01.02.21

Eine Art »Bürochef«

Wolfgang Häusler hat in TAGEBUCH NO 12/1 die Brüche in Karl Renners Biografie erläutert, eines machtorientierten und geschmeidigen Staatsmannes. Eine Entgegnung.

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VON JOHN EVERS

John Evers lebt und arbeitet als Historiker und Erwachsenenbildner in Wien.

Bereits 1902 hatte Karl Renner in Der Kampf der österreichischen Nationen um den Staat seinen eigenwilligen, durchaus elitären Politikansatz dargelegt. Renner strebte eine rein juristische Reform des bestehenden Staates »von oben« an. Das Gebilde der Habsburgermonarchie hielt er dabei für unabänderlich; die Rolle Deutschösterreichs als das »führende Volk« ebenso. Karl Renner verfolgte diese staatsintegrative Linie mit Konsequenz. 1912 verfasste er die Rechtfertigung für die Zustimmung der Sozialdemokratie zum Kriegsdienstleistungsgesetz. Der semiabsolutistische Staat dankte es zumindest der Partei nicht: Deren Tätigkeit wurde 1914 auf Basis dieses Gesetzes sistiert. Renner selbst erhielt erstmals Staatsämter und fand Verständnis für den Krieg, sah die Bewegung im patriotischen »Notstand« und postulierte ein organisches Mitinteresse der Arbeiterklasse am Imperialismus der Monarchie. In seinen Visionen für ein künftiges Europa – verfasst 1917 (!) – gab er den autoritären Mittelmächten den Vorzug gegenüber den Ideen der Französischen Revolution. Im selben Jahr empfing ihn der Kaiser zur Audienz. Renner hatte zweifellos seit Kriegsbeginn an staatspolitischem Gewicht gewonnen. Innerparteilich geriet er aber zunächst in die Isolation.

»KARL RENNER VERFOLGTE DIE STAATSINTEGRATIVE LINIE MIT KONSEQUENZ.«

Ab 1917 verfügte die SP-Linke faktisch über eine Mehrheit in der Partei. Ihr nun verstärktes Auftreten als Gegnerin des Kriegs verschaffte der Sozialdemokratie erneut Masseneinfluss. Die unbedingte Loyalität dieser Gruppe zur »Einheit« vermied zudem eine Spaltung der Organisation. In einer chaotischen, revolutionären Situation stieg die SP 1918 zum Macht- und Stabilitätsfaktor auf. Paradoxerweise entstand so neuer politischer Raum für Renner. Dieser diente sich als eine Art »Bürochef« auf Regierungsebene (so sein Biograf Richard Saage) den unterschiedlichen Lagern an, kümmerte sich auch um Details und arbeitete so zielstrebig auf seine erste Kanzlerschaft hin. 

Für eine Ausnahmeperiode (1918–1920) erklärte sich das bürgerliche Lager zum Kompromiss bereit: Reformen im Abtausch für die Stabilisierung der Lage. Renner schien ihnen dafür der geeignete Mann zu sein. Auch die Parteilinke widersprach nicht, sondern moderierte die Regierungsbeteiligung – mit dem gerade noch angefeindeten Renner an der Spitze – gegenüber der eigenen Basis.


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