5| DEBATTE | 01.05.21

Generation Österreich II

Hugo Portisch prägte das Geschichtsverständnis ganzer Generationen. Dabei blieb der am 1. April verstorbene »Geschichtslehrer der Nation« lange im Kalten Krieg verhaftet.

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VON JOHN EVERS

John Evers lebt und arbeitet als Historiker und Erwachsenenbildner in Wien. 

Der letzte öffentliche Auftritt von Hugo Portisch war durch und durch sympathisch: Lächelnd ließ er sich vor der Kamera impfen und warb für die entsprechende Kampagne. Wenige Monate zuvor hatte Portisch die Pressefreiheit verteidigt – ein deutlicher Wink in Richtung der türkisen Message Control, wie Oliver Rathkolb in einem der vielen Nachrufe festhielt. Obwohl einst klar ÖVP-nahe, steuerbar war Portisch nie. Auch die Bereitschaft zur Auseinandersetzung und persönlichen Mut kann man ihm nicht absprechen, ebenso wenig seine volksbildnerischen Qualitäten. Portisch war Teil einer in Österreich seltenen Spezies von Nachkriegsjournalisten. Er war frei von jeglicher NS-Relativierung oder gar -Nostalgie und gleichzeitig dem verpflichtet, was er als die Interessen des Westens verstand.

Nicht nur Portischs außenpolitische Berichterstattung war davon geprägt, sondern auch seine monumentalen Dokumentarfilmreihen Österreich II (1981–1995) und Österreich I (1989), mit welchen er das Geschichtsbild vieler Menschen in den 1980ern und 1990ern prägte. Die Popularität der Sendungen beruhte nicht nur auf dem sensationellen Bildmaterial, welches aus unterschiedlichsten Archiven zusammengetragen worden war. Es war auch Hugo Portischs Begabung, spannend zu erzählen. Zudem wurden in einer Vehemenz und Breite zeitgeschichtliche Themen angesprochen – inklusive der Infragestellung des österreichischen Opfermythos –, wie es an Schulen und Museen vor dreißig, vierzig Jahren noch völlig unüblich war. Umgekehrt waren die methodischen Schwächen und die Stoßrichtung der Dokumentationen immer ersichtlich. Mächtige Männer standen im Mittelpunkt des Geschehens, sozial- und wirtschaftshistorische Zusammenhänge spielten ebenso wie die Alltagsgeschichte nur eine untergeordnete Rolle.

»Als Norm einer funktionierenden Demokratie galt bei portisch die unbedingte Verortung im geopolitischen Westen.«

Als Norm einer funktionierenden Demokratie galten die Harmonie und die unbedingte Verortung im geopolitischen Westen. Dämonisiert wurden die (vermeintlichen) inneren und äußeren Störenfriede. Exemplarisch dafür: die Darstellung der Oktoberstreiks 1950, mit denen die Arbeiterschaft des besetzten Nachkriegsösterreichs sich gegen Preissteigerungen wehrte, die aus dem sogenannten Vierten Lohn-Preis-Abkommen folgten. Der Streik wurde als das Werk gut geschulter Betriebsräte aus den sowjetischen USIA-Betrieben präsentiert. »Wie ein Schock« wirkten die Ereignisse 1950 und stellten die junge Republik auf ihrem erfolgreichen Weg des Marshallplans und der Sozialpartnerschaft auf die Probe, so Portischs Erzählung. Neben der schon damals widerlegten Legende eines Kommunistenputsches war die Auslassung durchgängig Methode. Konkret fehlte der Verweis auf die sozialen Konflikte zwischen 1945 und 1950. Auch die Auswirkungen des Kalten Kriegs auf die politische Verschiebung nach rechts ab 1948, ausgedrückt durch die Integration der ehemaligen Nationalsozialisten, blieben im Dunkeln. 

Das dahinter liegende Geschichtsbild vertrat Hugo Portisch noch lange. 2010 trat er beim Festakt zum 65. Jahrestag der Gründung des Österreichischen Gewerkschaftsbunds als Hauptredner auf. Nach einem Lob auf den Lohnverzicht der Arbeitnehmerinnen nach 1945, sprach Portisch fast ausschließlich über die »kommunistische Gefahr« und den Beitrag der Gewerkschaften an der Bekämpfung dieses Problems.

2013 wurden Österreich II und Österreich I schließlich einer Revision unterzogen. Portisch selbst kommentierte nun differenzierter, warnte vor dem Einfluss der Rechten. Eines seiner letzten Interviews war dann trotzdem überraschend für die »Generation Österreich II«. Im Wochenblatt Die Furche beschrieb er 2020 seine persönlichen Empfindungen am Tag der Befreiung Wiens. Von einem »Gefühl von Erleichterung« sprach er da. »De facto war ich eine Art Deserteur, weil ich noch zur Waffen-SS einrücken sollte. Das war mir ein Grauen. Also: Flucht – und an jeder Ecke die Panik, von den ›Kettenhunden‹ des Regimes erwischt zu werden. Die Russen waren da schon am Stadtrand von Wien, da wollte ich entkommen.«