N°12KULTUR | 31.10.19

Abbruchkunststück

In Sarajevo bringt das MESS Theaterfestival Geschichten auf die Bühne, die Zusammenhalt in einer vom Zerfall gezeichneten Welt suchen. Seine 59. Ausgabe ist am 4. Oktober zu Ende gegangen.

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VON OLJA ALVIR, SARAJEVO


Blitz, Donner, Dunkel. Als das Licht wieder angeht, beginnt sich die Wohnung unter bedrohlichem Wummern als Ganze zu drehen. Das bescheidene Altbauzimmer mitsamt den hohen Holzfenstern, der klapprigen Küche und der ranzigen Couch – alles kippt langsam nach rechts. Wie weit wird es noch gehen? Das Geschirr fällt bereits aus den Kästen und geht in Brüche, die Bücher rutschen aus den Regalen und schlittern über den Fußboden. Die Waschmaschine kippt, fällt um und poltert aus der Tür hinaus. Föhn und Mikrowelle hängen an ihren Stromkabeln. Die kleine Welt steht Kopf. Nach einer vollständigen 360-Grad- Drehung, in der sich das kleine Heim in eine Bruchbude verwandelt hat, hört der Horror auf. Unter tosendem Beifall endet das Stück Imitation of Life (Autorin: Kata Wéber, Regie: Kornél Mundruczó), das die 59. Ausgabe des Internationalen Theaterfestivals MESS am 28. September in Sarajewo eröffnet hat.


WÖRTER: 1350

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Das Stück, das mit der Delogierung einer herzkranken Romni beginnt, thematisiert Schieflagen der – nicht nur ungarischen – Gesellschaft. Das unheimlich realistische, sich im Uhrzeigersinn drehende Bühnenbild dient als Sinnbild für die langsame, aber stetige Verschlimmerung des politischen Klimas, die Zerstörung solidarischen Miteinanders und die des Lebens Marginalisierter.

Orientiert am Okzident

»East meets West« steht auf einer Art Windrose im Sarajever Stadtzentrum. Es sollte wohl eher »West eats East« heißen, denn die Stadt veränderte sich in den letzten Jahren wie im Zeitraffer. Der Trubel in den engen Gassen gleicht schon jenem anderer europäischer Städte. Die Souvenirstände sind aufdringlich und strategisch mit jugonostalgischen, »orientalischen« und patriotischen Gadgets ausgestattet. An jeder Ecke befinden sich Hostels für Rucksackreisende, Apartments und Airbnb-Bleiben für gehobenere Gäste. Auf den alten, heruntergekommenen, auf den neuen, verglasten Hochhäusern prangen riesige Schilder: Raiffeisen, UniCredit, Vienna Insurance Group, dm.


Genaue Angaben zur sozialen Lage im Land gibt es nicht, da Volkszählungen und -befragungen wegen der tiefen Zerwürfnisse zwischen den Volksgruppen regelmäßig zum Politikum ausarten. Was sich sagen lässt, ist, dass die Arbeitslosenrate in Bosnien-Herzegowina zwischen 20 und 30 Prozent liegt – und damit die höchste in Europa ist. Das Gesundheitssystem ist legendär korrupt; ohne Bestechungsgeld ist keine Behandlung zu erwarten. Auf 1.000 Menschen kommen laut WHO rund zwei Ärztinnen. Im deutschsprachigen Raum sind es mehr als doppelt so viele und auch Bosnien-Herzegowinas Nachbarstaaten schneiden hier deutlich besser ab. Das liegt daran, dass Ärztinnen, Krankenpfleger, aber auch Lehrerinnen mitunter monatelang auf ihre (vergleichbar niedrigen) Gehälter warten müssen.

Der akademische Betrieb und das Schulwesen wiederum sind von Geschichtsrevisionismus gezeichnet. Unter diesen Umständen ist die Autonomie und Handlungsfähigkeit der Menschen eingeschränkt, zudem stellt sich die Frage, wie viele der auch neuen Projekte wie etwa das War Childhood Museum überhaupt von der lokalen Bevölkerung rezipiert werden und nicht lediglich von westeuropäischen, asiatischen oder arabischen Touristen im Rahmen eines Städtetrips nach Sarajevo in Anspruch genommen werden.

Monolog, Dialog, Trialog

Die Dinge, die der Systemwechsel angeblich hätte abschaffen sollen, kehrten in anderen, vielleicht noch stärkeren Geschmacksrichtungen zurück: Korruption und Abhängigkeit vom System – wo früher eine Partei war, sind es heute drei. Fremdbestimmung, früher durch Belgrad und die Zugehörigkeit zur jugoslawischen Föderation, heute durch die von ausländischen Investoren. Öffentliche Einrichtungen und Räume werden ab-, das Tourismusangebot ausgebaut.

Doch manches ist gleich geblieben: Fast dreißig Jahre nach Kriegsausbruch ist Bosnien-Herzegowina weiterhin eine vom Krieg gezeichnete und bestimmte Region. Zwischen den Bevölkerungsgruppen verlaufen tiefe Furchen. Das Territorium ist aufgeteilt und die Verwaltung doppelt und dreifach besetzt – für jede Konfession, für jede Volksgruppe eine Garnitur – und deshalb kompliziert, teuer und behäbig. Ganze Städte sind, wie auch das Schulsystem in großen Teilen des Landes, segregiert. Die Infrastruktur wie Straßenverbindungen, öffentlicher Verkehr, Gesundheitssystem und Grundversorgung gehören zu den Dingen, über die sich die Bewohner täglich den Kopf zerbrechen müssen.

In der Eröffnungsrede des MESS Theaterfestivals weiß Direktor Nihad Kreševljaković das Problem konkret zu benennen: »vom Kapitalismus genährter Faschismus«. Hier in Sarajevo beim MESS darf man das so geradeheraus sagen, man muss gar nicht verlegen »Neoliberalismus« oder »Rechtspopulismus« vorschieben. Als Alternative dazu bietet das MESS ein internationales Programm und verschreibt sich der »Erinnerungskultur und der Wahrung der kulturellen Identität«. Tatsächlich ist MESS, 1960 als Festival der kleinen und experimentellen Szene Jugoslawiens gegründet, eines der ältesten Festivals der gesamten Balkanregion.

Die Kultur, die gewahrt und derer erinnert werden soll, ist jene der Kunst als Widerstand. »Das Theater hat Menschen während der Belagerung Sarajevos teilweise buchstäblich das Leben gerettet«, erklärt Nihad Kreševljaković. Er meint damit einerseits die Schicksale von Menschen, deren Wohnungen zerbombt wurden, während sie im Theater saßen und daher überlebten. Andererseits die Tatsache, dass Theater und Kunst generell der Bevölkerung helfen konnten, die fast vierjährige Belagerung durchzustehen. Sarajevo ist tatsächlich die einzige Stadt weltweit, in der während Krieg und Belagerung ein Theaterhaus gegründet wurde. Das SARTR, das Sarajevo War Theatre, eröffnete im Mai 1992.

Die Möglichkeit, Kunst zu genießen und zu schaffen, sieht Kreševljaković als eines der »grundlegenden Menschenrechte« an. »Die Theatermacherinnen und Künstlerinnen gehörten zu den ersten, die die Kommunikation mit ihren Kolleginnen nach Kriegsende wieder aufnahmen«, sagt Senad Halilbašić, Experte für Theater in der postjugoslawischen Sphäre am Institut für Slawistik in Wien. Der Dialog über Grenzen hinweg sei allerdings noch ausbaufähig.

Der Direktor des War Childhood Museums, Jasminko Halilović, beteuert etwa, dass bisher noch keine einzige Schulgruppe aus der mehrheitlich von bosnischen Serben bewohnten Entität des Staates Republika Srpska in seinem Museum war. Früher war das private Museum einmal ein städtisches Kulturzentrum. Den Großteil des heutigen Publikums stellen neugierige Gäste aus aller Welt. Dennoch ist er sich der Relevanz seines Museums für die Bevölkerung sicher: »Für viele ist es heilsam, über ihre Erfahrungen im Krieg zu sprechen und ihr Schicksal im Museum für andere greifbar zu machen«, sagt er. Generell überwiegt unter den Kreativen der Stadt der Glaube an die transformierende und therapeutische Kraft von Kunst und Kommunikation.

Transformatives Theater

Kunst kann und muss vielleicht auch mangels anderer Begegnungsräume als Mittel zur Heilung und Bewältigung herhalten. Kultur- und Freizeitangebote verlagern sich aus dem öffentlichen in den privaten Bereich, der wiederum ethnischkonfessionell zersplittert ist.

Unter den Bosnierinnen gibt es ein legitimes Bedürfnis, Kriegsopfern eine Stimme zu verleihen und den Terror, den etwa die Sarajever Bevölkerung erlebte, anerkannt zu sehen. Davon zeugen Einrichtungen wie das Museum of Crimes Against Humanity and Genocide, ein Ort, den zu besuchen nur voyeuristischen Gemütern mit starkem Magen zu empfehlen ist. Doch unter dem Fokus nach außen und den gesellschaftlichen Zentrifugalkräften – oder wie man hier beim MESS sagen würde: unter »von Kapitalismus genährtem Faschismus« – drohen Nachkriegsgefüge zu verknöchern und Kommunikationskanäle zwischen Opfern und Tätern und jenen, die dazwischen oder gar beides zugleich sind, zu verstummen.

Zumindest das MESS Festival hält mit seiner strikt internationalen, polyphonen und multiethnischen Ausrichtung dagegen – und bleibt optimistisch und kämpferisch. Das auch angesichts finanzieller Hürden: Aus Protest über den Wegfall einer wichtigen staatlichen Förderung wurden heuer keine Preise verliehen. Auch sah man sich gezwungen, eine irische Theaterproduktion wieder aus dem Programm zu nehmen. Laut Direktor Kreševljaković mussten in den letzten vier Jahren ganze 60 Prozent des Budgets eingespart werden. »Der feierliche Abschluss des 59. MESS Festivals wird einfach am Anfang des 60. nachgereicht«, schmunzelt Kreševljaković.

Im französischen Stück Smashed to Pieces (Marguerite Bordat, Raphaël Cottin, Pierre Meunier) stellen zwei Männer einen riesigen Kasten auf der Bühne ab, packen ihn behutsam aus, putzen ihn, nur um ihn gleich anschließend mit Beilen, Vorschlaghammern und Abrissbirnen kurz und klein zu hauen. Die Luft wird dick, aber es ist kein Bühnennebeleffekt mit Trockeneis, sondern Holzstaub und Späne, die aufwirbeln. Es ist – wortwörtlich: A Mess. Eine Frau tritt auf und fängt in dem Chaos an, Ordnung zu machen. Ein Schild wird aufgestellt: »Feel free to step forward«.

Einige Besucherinnen, vorwiegend junge Leute, stehen auf, schreiten über die kleine Treppe auf die Bühne hinauf und beginnen, die zerhackten Holzteile am Boden aufzulegen. Sie heben Glas- und Marmorsplitter auf, legen sie dazu, wo noch Platz ist. Eine junge Frau platziert ein langes Holzstück, aus dem viele scharfe Schrauben und Nägel ragen, so, dass niemand sich daran verletzen kann. Nachdem sich die vielen Bruchstücke zu einer surrealen Collage zusammengefügt haben, kehrt die Theatergruppe den Fußboden und die Helfenden treten aus dem Scheinwerferlicht. Das Publikum applaudiert der – vom Abbruchkunstwerk abgesehen – leeren Bühne.

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