N°7/8KULTUR | 01.07.21

Der Kampf um die »Arbeiterriviera«

Der Wiener Donaukanal und seine Ufer sind seit Jahrhunderten umkämpftes Terrain: Schon vor seiner ab 1980 einsetzenden Wiederbelebung lagen hier Freizeit, Arbeit und Verkehr im Streit.

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VON ANTON TANTNER

Anton Tantner lebt als Historiker und Publizist in Wien, zuletzt erschien von ihm Von Straßenlaternen und Wanderdünen (Mandelbaum, 2020).

Polizeischikanen gegen Jugendliche, die am wichtigsten innerstädtischen Fließgewässer Wiens, dem Donaukanal, abhängen, Musik hören und tanzen – die Szenen des Corona-Frühlings 2021 sind keine Premiere, vor mehr als sechs Jahrzehnten spielt sich Ähnliches ab: Fünfzig bis siebzig Jugendliche sind es, die an jenem Augustabend des Jahrs 1957 unter der Augartenbrücke Rock’n’Roll tanzen, zwei Koffergrammophone sorgen für Musik, angeblich auch tragbare Radios; knapp nach 21 Uhr wird der Lärm den Anrainern zu viel, selbst wenn nach Darstellung eines Burschen die am anderen Ufer fahrende Stadtbahn die Musik an Lautstärke übertrifft. Doch obendrein sollen Passantinnen und Passanten von der johlenden Menge belästigt worden sein, einige Verwegene haben dem Vernehmen nach gar Laternenmaste erklommen.

Die Schanzelmaut in Wien, 1860.
Bild: Emil Hütter / Sammlung Belvedere

Als das mit Funkstreifenwagen aufwartende Einsatzkommando der Polizei eintrifft, gelingt es den meisten zu flüchten, fünf Burschen und zwei Mädchen werden allerdings verhaftet und am Polizeikommissariat Leopoldstadt zu teils mehrtägigem Polizeiarrest verurteilt – diese Strafe war zu NS-Zeiten nicht zuletzt gegen die jazzaffine Jugendsubkultur der sogenannten Schlurfs eingeführt worden; im Gegensatz zur BRD war sie in Österreich damals immer noch nicht abgeschafft.

Der Hass der Krawallpresse kennt keine Grenzen: In jenen Wochen fährt sie eine regelrechte Kampagne gegen die »Halbstarken«, die »Schlurfs«, die »Plattenbrüder« und »Rowdies«. Eine Ausnahme von derlei Skandalberichterstattung macht die Österreichausgabe des Wochenmagazins Stern: Wenige Tage nach dem Vorfall sucht dessen Bildreporter Harry Weber die Jugendlichen unter der Augartenbrücke auf; er trifft dort auch deren weiblichen »Boss« namens Gitta an – »Halbstarken-Braut« nannte sie der Bild-Telegraf: Margit C., 18 Jahre, eine Hilfsarbeiterin, die am meisten Arrest ausgefasst hatte, vier Tage, weil sie bereits einmal bei einer Razzia aufgegriffen worden war. Weber gewinnt das Vertrauen der Halbwüchsigen, interviewt sie, stellt die Tanzszene (»Ohne Grammophon! Ohne Lärm!«) nach und veröffentlicht zusammen mit einer faszinierenden Bildstrecke ein für Verständnis werbendes Porträt einer Generation von Arbeiterjugendlichen, die durch beengte Wohnverhältnisse sowie abweisende Cafetiers und Tanzschulen zur Nutzung des öffentlichen Raums gezwungen werden.


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