N°10| KULTUR | 01.10.21

Mühsam in Wien

 

Der Anarchist und Schriftsteller Erich Mühsam war mehrmals in Wien zu Besuch. Zuletzt vor ziemlich genau neunzig Jahren.

________________________

VON ANDREAS PAVLIC

Andreas Pavlic lebt und arbeitet unter anderem als freier Autor in Wien. Kürzlich erschien von ihm der Roman Die Erinnerten in der Edition Atelier.

Illustration: Lea Berndorfer

»Wien ist eine herrliche Stadt; Wien ist eine Stadt, in der ich es nicht lange aushielt.« So beginnen Erich Mühsams Ausführungen zur Donaumetropole, die er erstmals im Jahr 1906 besuchte. Zu dieser Zeit war er bereits eine Größe in der Berliner Bohème-Szene, hatte bei zwei anarchistischen Zeitschriften mitgearbeitet, konnte seinen Roman Die Eigenen, eine Schrift zur Homosexualität sowie zwei Gedichtbände vorweisen. Ebenso trat er als Rezitator seiner humorvollen bis provokanten Dichtwerke in Cafés und Kabaretts auf. Seine Aufenthalte in Wien fallen in jene Phase, die er selbst als Wanderjahre bezeichnete. Mit seinem Lebensgefährten Johannes Nohl tingelte er durch die Lande, ließ dem Leben freien Lauf, machte in München, Genua und Zürich Station und verweilte mehrmals in der berühmt-berüchtigten Lebensreformkommune Monte Verità in Ascona, der er mit seiner Schrift Ascona. Eine Broschüre ein zweifelhaftes Denkmal setzte. Zwischendurch nahm er zwei jeweils zwei Monate dauernde Engagements in Wien an, um »dem nächtlichen Amüsementsbedürfnis eines zahlungsfähigen Publikums durch den Vortrag humoristischer und satirischer Verse Nahrung zu geben«. 

Veröffentlicht hat der 1878 in Berlin geborene Mühsam die Berichte über seine »Wiener Episode« in der Feuilletonsammlung Unpolitische Erinnerungen, die im Frühjahr 1929 in der Vossischen Zeitung und 1949 in Buchform erschienen sind. Darin schildert er sein Unbehagen angesichts des in dieser Stadt gelebten Selbstverständnisses. »Das ganze Wien kam mir vor wie eine Theaterangelegenheit […] [,] ich hatte das Gefühl, hier lebt eine Familie, die riesig nett ist, wenn man auf Besuch zu ihr kommt, die aber unausgesetzt nur Familiengespräche führt.« Diese Selbstbezogenheit spiegelte sich auch in den verschiedenen Zirkeln jener Zeit, die sich meist um bestimme »Geistesgrößen« in ihren Territorien, also Kaffeehäusern, versammelten. Mühsams erster Gastauftritt führte ihn ins Kabarett Nachtlicht, in dem er neben der »Brettlkünstlerin« Marya Delvard und Dichterkollegen wie Alexander Roda Roda und Hans Adler auftrat. Da Karl Kraus plus Anhang ebenfalls regelmäßig im Nachtlicht verkehrten, fand Mühsam bald Anschluss an diesen Kreis. Amüsant zu lesen sind seine Anekdoten zu Peter Altenberg, Egon Friedell und seine Ausführungen zu Karl Kraus selbst, den er zwar schätzte, aber dessen Genialität er doch in »Wiener Maßstäben« zu messen wusste. 

Sein zweites Engagement erfolgte später im Kabarett Simplicissimus. Mit der anarchistischen Bewegung kam Mühsam kaum in Kontakt, was auch nicht verwunderlich ist, denn zu diesem Zeitpunkt fristete diese ein sehr beschauliches Dasein, es gab kaum Gruppen oder Vereinigungen, keine Zeitschrift und keine nennenswerten Aktivitäten.

Pierre Ramus und der Anarchismus in Österreich

Dies sollte sich im Jahr 1907 ändern, denn Pierre Ramus, mit bürgerlichen Namen Rudolf Großmann, hauchte der Bewegung nach seinem Aufenthalt in den USA und England neues Leben ein. Er veröffentlichte Das anarchistische Manifest, gab die Zeitschrift Wohlstand für Alle heraus und begann eine ausgiebige Vortragstätigkeit. Der etwas exzentrische Ramus war ein unermüdlicher Propagandist, begnadeter Redner und streitbarer Publizist. Seine Anarchismusvorstellungen waren zwar jenen von Mühsam ähnlich (beide vertraten einen kommunistischen Anarchismus, wie ihn auch Peter Kropotkin propagierte), für Ramus jedoch bedeutete Anarchismus strikte Gewaltfreiheit, weswegen er sich zunehmend an den christlich-anarchistischen Vorstellungen eines Leo Tolstoi orientierte. Mit Gewaltfreiheit, vor allem in Form eines Absolutheitsanspruchs, konnte Mühsam, gleichwohl Antimilitarist, wenig anfangen. In seiner 1916 begonnenen und zu Lebzeiten nicht veröffentlichten Arbeit Abrechnung schrieb er: »Ich will es hier ohne Umschweif eingestehen: Ja, es besteht eine Diskrepanz zwischen unserer heftigen, heiligen, feierlichen Abkehr von der Gewalt des Kriegs und unserm sehnsüchtigen, tatbereiten, wilden Verlangen nach Revolution.« Worin liegt nun der Unterschied zwischen revolutionärer Gewalt und jener im Krieg? Für Mühsam ist es »das Bewußtsein, in der Revolution aus eigner Entschließung die eigne Sache zu vertreten, es ist sodann die Gewißheit, einem Zweck zu dienen, der der Menschheit selbst zugute kommen soll.« Für Ramus war diese Position nicht akzeptabel. Auch Mühsams kurzfristige Hinwendung zur bolschewistischen Revolution und sein Eintreten für eine Rätediktatur führten zu Streit. So erwuchs zwischen den beiden über die Jahre eine inhaltliche und zudem eine tief sitzende persönliche Feindschaft.


WÖRTER: 2002

LESEZEIT: 10 MINUTEN

Lesen Sie diesen Artikel jetzt weiter: