N°12 | POLITIK | 31.10.19

Fragen an die deutsche Erinnerungspolitik

Will man vom Leben in der DDR erzählen, greifen die Denkfiguren Täter, Mitläufer und Opfer schlicht zu kurz. Dreißig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer wäre es an der Zeit, die Aufarbeitung der DDR-Geschichte aufzuarbeiten.

________________________

VON KARSTEN KRAMPITZ


1986 – drei Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 – schrieb der Journalist Theo Sommer: »Das Totalitäre an der DDR ist nicht alldurchdringend.« Das Diktatorische mache sich vor allem unten bemerkbar, »überspitzt bemerkt: Mit Honecker kann man reden; mit dem Parkwächter an der Wartburg nicht.« Eine Beobachtung, die so wohl nicht alle DDR-Bürger geteilt haben. Der Historiker reibt sich die Augen: Einer der einflussreichsten Journalisten in der Geschichte der Bundesrepublik schwärmte von der Beliebtheit Erich Honeckers: »Die Bürger des anderen deutschen Staates bringen ihm fast so etwas wie stille Verehrung entgegen; in Gesprächen schlägt sie immer wieder durch.« Mit wem genau Sommer gesprochen hatte, ließ er offen.


WÖRTER: 3750

LESEZEIT : 19 MINUTEN

Lesen Sie diesen Artikel jetzt weiter:


Ein ähnlich verzerrtes DDR-Bild fand sich im Westen damals auch an den Universitäten. Sozialwissenschaftler gingen in den 1980er Jahren davon aus, dass die DDR ein normaler Industriestaat wäre – nur eben kommunistisch regiert – und dass am Ende der Anpassungsprozesse an die Moderne ein Staatswesen mit irgendwie demokratischen Strukturen entstehen könnte. Gert-Joachim Glaeßner, seinerzeit an der Freien Universität Berlin der führende Vertreter der sozialwissenschaftlichen DDR-Forschung, beschrieb noch 1989 – also unmittelbar vor dem Sturz Honeckers – das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) als eine Art Randerscheinung: Neben politischen und militärischen Sicherungsfunktionen, wie sie auch vergleichbare Geheimdienste in westlichen Ländern hätten, habe die Staatssicherheit noch zusätzliche systemspezifische Aufgaben, etwa die Übernahme staatsanwaltschaftlicher Aufgaben oder die Unterrichtung der Staatspartei über Einstellungen und Meinungen in der Bevölkerung »unter anderem mit Hilfe der Demoskopie«. Kein Wort zur Schikane der Stasi gegenüber Oppositionellen, die schon damals bekannt war, kein Wort über Postkontrolle, Inhaftierung und sogar Abschiebung in den Westen. Tatsächlich war der Alltag in der DDR inzwischen ein gänzlich anderer als noch in den 1950er Jahren; das Privatleben gestaltete sich erheblich freizügiger, auch der Wohlstand hatte sich verbessert. Doch war die DDR deshalb schon auf dem Weg zur Demokratie?

Seit der deutschen Einheit erleben wir nun das andere Extrem: Die offizielle Erinnerungspolitik reduziert das Leben in der DDR allein auf die Täter und Opfer der Stasi. Deren Aktenberge empfand der Kirchenpublizist Reinhard Henkys seinerzeit wie Splitterbomben. Man habe den Eindruck, es könne jeden treffen. Überall im Öffentlichen Dienst, jedoch nur in Ostdeutschland, liefen die Überprüfungsverfahren der Gauck-Behörde mit schweren Konsequenzen für das Berufs- und Privatleben. Die Bürger erhielten jetzt Auskunft über die sie betreffenden Stasi-Akten. Dadurch aber gelangten sie auch an Wissen über andere, über Freunde, Nachbarn, Angehörige. Dieses Wissen hat das Leben, hat die Gesellschaft in Ostdeutschland verändert – nicht immer zum Guten.

Wer war eigentlich dagegen? Die Opposition in der DDR hat erst 1989 nach und nach eine Massenbasis gewonnen. Noch im Juni des Vorjahres schätzte das MfS die Zahl der politischen Gegner im Land auf nicht mehr als 2.500 – bei etwas über 16 Millionen Einwohnern. Die meisten Bürger dieses Landes wollten erst einmal nur ein anständiges Leben führen. Sozialismus war ihnen keine Ideologie, sondern ein Fortschritts- und Versorgungsversprechen: auf Schrankwand, Trabbi, Balaton – eine von oben erteilte Garantie, dass es ihnen jedes Jahr ein klein wenig besser ginge, so sie sich an die Spielregeln hielten. Sozialer Aufstieg im Austausch gegen politisches Wohlverhalten. Zugegeben: Vielen Menschen war dieser Preis zu hoch oder das Versprechen zu mager – sie stellten einen Ausreiseantrag oder wurden »republikflüchtig« oder versuchten es wenigstens.

Im historischen Gedächtnis der Ostdeutschen war der Mauerbau im August 1961 eine existentiell prägende Erfahrung. Die DDR war zu einer Gesellschaft ohne Austrittsrecht geworden – die Minimalvoraussetzung legitimer Herrschaft. Manfred Stolpe, ungeachtet seiner kontroversen Rolle als Kirchenjurist heute ein wichtiger Zeitzeuge, berichtet in seinen Erinnerungen für die Zeit von 1973 bis 1983, dass es jährlich etwa zehntausend Entlassungen aus der Staatsbürgerschaft gegeben habe, einschließlich Häftlingsfreikäufen. Stolpe glaubt, dass die Zahl der Ausreisewilligen erheblich größer war als die der Anträge. Ihre Zahl habe aber bei weitem die Zahl derer überstiegen, die mit den politischen Verhältnissen in Konflikt geraten seien. Besonders deutlich sei das im Jahr 1983 geworden: Nachdem Egon Krenz im Sekretariat des SED-Zentralkomitees Paul Verner abgelöst hatte, habe er versucht, das Ausreiseproblem mit einem Schlag zu lösen. Krenz habe seine Mitarbeiter gefragt, wie viele Antragsteller man denn habe, woraufhin ihm die

Zahl 40.000 genannt worden sei – eine Größenordnung, die die DDR-Volkswirtschaft durchaus verschmerzen konnte. Und so geschah es: Im Frühjahr 1984 wurden mehrere zehntausend Übersiedlungsanträge innerhalb weniger Wochen genehmigt. Seit dem Mauerbau konnten noch nie so viele Menschen in so kurzer Zeit die DDR in Richtung Westdeutschland verlassen. Nur wurde damit das Ausreiseproblem nicht gelöst. Die Nachricht von der Ausreisewelle verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Sofort wurden 60.000 bis 70.000 neue Anträge gestellt. »Das erschreckte die SED«, so Manfred Stolpe, »und sie machte das Schlupfloch wieder zu. Die davon Betroffenen gerieten in eine ganz schwierige Lage. Sie hatten sich aufgrund des Ausreiseschubs vom Frühjahr 1984 aus der Deckung gewagt, ihren Antrag gestellt und sich damit dem System ausgeliefert. Ihre Anträge wurden nicht erledigt, aber sie verloren ihren Beruf und wurden den verschiedensten Schikanen ausgesetzt.«

Das historische Verdienst der DDR-Kirche liegt darin, dass sie ihre Türen aufmachte für die Mühseligen und Beladenen – für Punks, sogenannte »Gammler«, Homosexuelle und nicht zuletzt für die Antragsteller. Ohne zu wissen, wann und ob der Ausreiseantrag bearbeitet wurde, verloren viele von ihnen mit der Antragsstellung ihre Arbeit. Nicht wenige fanden im kirchlichen Bereich Zuflucht, arbeiteten auf Friedhöfen, in der Diakonie oder in kirchlichen Archiven. Doch was war mit den Leuten, die sich in der DDR eingerichtet hatten? – Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung lebte nur nach außen hin systemkonform. Der Theologe Heino Falcke spricht vom DDR-Syndrom: Der »in äußerer Anpassung und innerer Verweigerung gespaltene Mensch«. Diese Grundhaltung, genährt durch zahlreiche Frustrationserfahrungen und das Wunschbild von der westlichen Überflussgesellschaft, sei dann im November 1989 mit Macht an den Tag gekommen, habe sich auf der Straße manifestiert und eine neue Realität geschaffen. Und dennoch: Auch in diesem Land wurden Häuser gebaut, Alte und Kranke gepflegt, wurde Brot gebacken; hatten junge Menschen Liebeskummer. Das berühmte Adorno-Aperçu – »Es gibt kein richtiges Leben im falschen.« – will so gar nicht auf die DDR passen. Will man vom Leben in der DDR erzählen, greifen die Denkfiguren Täter, Mitläufer und

Opfer schlicht zu kurz. War denn schon ein Mitläufer, wer ein halbwegs »normales« Leben führen wollte? Das kleine Glück eben: Wohnung, Familie, Auto. – Mary Fulbrook, Professorin für Deutsche Geschichte am University College London, argumentiert: Wer diese Menschen als unmoralische Kollaborateure und Komplizen eines bösen Regimes oder als einfältige Opfer einer Ideologie und Leidtragende der staatlichen Unterdrückung einstufe, der stelle die Art und Weise, wie die ostdeutsche Gesellschaft funktioniert hat, »prinzipiell falsch« dar. Die DDR sei bei weitem mehr gewesen als nur ein SED-Staat: »Doch obwohl kein Historiker des Westens versuchen würde, die Sozialgeschichte einer westlichen Gesellschaft allein im Hinblick auf politische Maßnahmen des Regimes und den Widerstand des Volkes dagegen darzustellen, ist die Sozialgeschichte der DDR weitgehend so aufgefasst worden […]«.

Würde man umgekehrt die Geschichte Westdeutschlands allein über Polizei, Richter und Regierung erzählen, an dunklen Kapiteln gäbe es sicher genug: die Verfolgung Homosexueller zum Beispiel, die politischen Berufsverbote, die Zwangserziehungsheime oder einfach nur das fortgesetzte Wirken der NS-Eliten. Sofort würde der Einwand kommen: Das mag ja stimmen, aber die Geschichte der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit war mehr: Wiederaufbau, Heimkehr der Kriegsgefangenen, satt zu essen und zwar richtig satt zu essen, eine bessere Wohnung, der erste Italienurlaub, Bill Haley und so weiter. – Warum wird nun bei der Geschichte der DDR so gänzlich anders verfahren? Muss Geschichte nicht als Ganzes angenommen werden? Im postulierten Geschichtsbild von der kommunistischen Gewaltherrschaft finden sich nur die allerwenigsten Ostdeutschen wieder. Ein Leben aber, das nicht erzählt werden kann, macht Menschen krank.

Die kollektive Erinnerung der Ostdeutschen wurde schon zu DDR-Zeiten gespalten, in einen erzählbaren Teil und einen dunklen Teil, den man besser verschweigt. Der eine Teil erzählte von Verfolgung und Widerstand während der Nazizeit – eine Erinnerung, die nur die wenigsten hatten; der andere sollte schweigen von der individuellen Verstrickung in den Terrorapparat der Nazis, von den Verbrechen der Männer im Krieg und von der Vergewaltigung so vieler Frauen bei Kriegsende. Diese kollektive Gedächtnisspaltung setzte sich nach 1990 fort; das hatte Folgen. Vergessen macht nicht frei und schon gar nicht, wie es die Operette verheißt, glücklich. Diese Art Filterung der Geschichte hat in Ostdeutschland über Generationen hinweg eine tiefenpsychologische Dynamik entwickelt. Historische Ereignisse, die nicht erzählt, nicht thematisiert werden, so der österreichische Gedenkstättenpädagoge Peter Gstettner, verschwänden nicht einfach aus unserer Gedankenwelt; die kollektive Erinnerung daran versinke stattdessen ins gesellschaftlich Unbewusste. Wie in einen Orkus, ein Totenreich, ein »schwarzes Loch«, das alle unterdrückten Ängste, Wünsche und Erinnerungen et cetera aufnähme.

Das Problem dabei: Die Energien dieses nicht verarbeiteten Geschehens bleiben als »unterirdisches Wissen« erhalten. Und mit der Zeit entwickelten die verdrängten Gedanken, Gefühle und Erinnerungen ein destruktives Eigenleben. Die Erinnerung, die man eigentlich vergessen wollte, sei jederzeit bereit, aus dem Orkus wieder aufzusteigen und den sich dunkel erinnernden Menschen zu quälen. Der Mensch beginnt zu hassen. Denn Hass betäubt den Schmerz. Ähnlich den Schuldgefühlen wird auch der Hass nicht immer dort verarbeitet, wo er entsteht. Das können ganz andere Feindbilder sein: Flüchtlinge zum Beispiel oder Juden, Schwule oder einfach Wessis. Eine qualifizierte Erinnerungsarbeit, wie sie etwa Gedenkstätten leisten müssen, ist daher nicht nur im Sinne der Opfer. Ein jüdisches Sprichwort, das dem im 18. Jahrhundert lebenden Rabbi Baal Shem-Tov zugeschrieben wird, heißt: »Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.« Menschen, die nicht sagen können, wo sie herkommen, haben grundsätzlich einen eingeschränkten Blick auf die Wirklichkeit. Ein Mensch, der sich vorkommt wie ein Paket ohne Absender und ohne Adresse, dreht irgendwann durch. Darüber, dass es auch in der DDR Fremdenfeindlichkeit gab, ja sogar Antisemitismus und geistige Monokultur, ist viel geschrieben worden. Dennoch sei die Frage gestellt: Ist es denkbar, dass der Hass in Ostdeutschland, der Rassismus und der Aufstieg der Partei Alternative für Deutschland (AfD) auch auf die offizielle Geschichtspolitik zurückzuführen ist?

Es wird Zeit, die DDR neu zu erzählen – ohne sie zu verklären, aber auch ohne sie zu dämonisieren. Eine solche Erzählung braucht auch eine neue Sprache. Denn ungeachtet der vielen Gedenkstätten und offiziellen Feierstunden fehlen uns die richtigen Worte, fehlt uns ein praktikabler Herrschaftsbegriff zur DDR. Ob Unrechtstaat, Homunculus sovieticus, autoritärer Fürsorgestaat – keines dieser Worte hat sich durchgesetzt, ist von den Menschen, die in der DDR gelebt haben, in der Mehrheit angenommen worden. Hubertus Knabe, noch vor einiger Zeit der Leiter der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen (von Geburt Westfale, Jahrgang 1959), beanspruchte jahrelang die Deutungshoheit über die DDR-Geschichte – mit dem Ziel der vollständigen Delegitimierung der DDR als Unrechtsstaat. Dass damit auch das Leben dort vollständig infrage gestellt wurde, spielte keine Rolle.

Nicht in der Bild, wohl aber in der Fachwelt wurde er dafür kritisiert: Die Kulturwissenschaftlerin Carola S. Rudnick promovierte vor einigen Jahren zur Arbeit der DDR-Gedenkstätten. In der Einleitung ihrer viel beachteten Dissertation zitiert sie den französischen Philosophen Paul Ricœur: »Urteil und Strafe sind Sache des Richters; der Kampf gegen das Vergessen und für eine wahrhaftige Erinnerung ist Sache des Bürgers; dem Historiker bleibt es vorbehalten, zu verstehen ohne zu verurteilen und ohne zu entschuldigen.« Aufarbeitung heißt Aufklärung, nicht Vergeltung. In diesem Sinne stellte Rudnick dem Gedenkstättenleiter Knabe ein schlechtes Zeugnis aus: Er habe »pro-aktiv« eine antikommunistisch gefärbte Geschichtspolitik betrieben. Dem »Zeitzeugenangebot« seiner Einrichtung hätten begleitende, objektivierende Informationsmaterialien und Ausstellungen gefehlt, die die opferzentrierte, monoperspektivische Geschichtsvermittlung in einen übergeordneten historischen Kontext setzten. Noch dazu haben einige der dort wirkenden Zeitzeugen einen äußerst zweifelhaften Ruf. Siegmar Faust zum Beispiel, ein ehemaliger DDR-Häftling, der heute für die AfD wirbt. Im Gespräch mit einem Journalisten stellte er die Zahl der ermordeten Juden infrage: »Ist die Zahl sechs Millionen heilig?« Die Gedenkstätte hat sich inzwischen von ihm getrennt.

Wäre es nach Hubertus Knabe gegangen, bekäme der SED-Staat in der Erinnerungslandschaft der Deutschen den gleichen Stellenwert wie das Dritte Reich. Noch vor kurzem war in der Presse zu lesen, dass die Gedenkstätte Hohenschönhausen demnächst damit beginnen werde, ein Register mit den Namen aller Opfer des Kommunismus in Deutschland zu erarbeiten. Vorbild sei die Datenbank der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, in der die Opfer des Holocaust namentlich verzeichnet werden.

Der Vergleich und die damit verbundene zweifelhafte Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus hat eine lange Geschichte. Die entsprechende Totalitarismustheorie ist an den Universitäten nicht unumstritten. Zwar hat ihre Hauptvertreterin Hannah Arendt die DDR als nicht totalitär eingestuft – viele ehemaligen DDR-Oppositionelle sahen und sehen das dezidiert anders: Der 1999 verstorbene Jürgen Fuchs beispielsweise nannte die DDR ein »Auschwitz in den Seelen«. Fuchs war kein Historiker, sondern Opfer des SED-Staats, dem die Stasi sogar noch nach seiner Abschiebung in den Westen übel mitgespielt hatte. – Fuchs und Knabe haben de facto das Gleiche gemeint und dennoch ist es nicht dasselbe. Der Journalist und Historiker Christian Booß schrieb in der taz darüber: »Einem Stasi-Zersetzungs-Opfer mag man derartige Denkprovokationen durchgehen lassen, einem durchtrainierten Politologen aus dem Westen nicht.« Die Gedenkstätte Hohenschönhausen als Yad Vashem der DDR, was für eine absurde Vorstellung! Der schon erwähnte DDR-Zeitzeuge Faust ging noch einen Schritt weiter: 1993 verhalf er einer ehemaligen Aufseherin aus dem KZ Ravensbrück zur Anerkennung als Verfolgte des Stalinismus und zu einer Entschädigungssumme von 64.350 Mark, wovon sie ihm 7.000 Mark schenkte – ein heute vergessener Skandal.

Von einer »Dämonisierung durch Vergleich« spricht der Historiker Wolfgang Wippermann: Landauf, landab werde, wenn die DDR gemeint ist, von einer »zweiten deutschen Diktatur« gesprochen. Der SED-Staat soll genauso totalitär wie der NS-Staat, die Stasi wie die Gestapo und das berüchtigte DDR-Gefängnis Bautzen wie Auschwitz gewesen sein. Den Vergleich DDR versus Drittes Reich hält Wippermann für grundsätzlich problematisch und paradox, »weil er nur dann angestellt werden könnte, wenn man vom Unvergleichbaren schweigt«.

Das Dritte Reich steht für zwei zentrale Ereignisse: Zum einen für die Shoa – den Mord an über sechs Millionen Juden – zum anderen für den Zweiten Weltkrieg. Frage: Hat es in der DDR Gaskammern gegeben? Hat die Nationale Volksarmee Polen überfallen? Und: Wurde das SED-Polit-büro am Ende militärisch besiegt? Und umgekehrt: Hat es, sagen wir im Februar/März 1945, auf den Straßen Hitlerdeutschlands Massendemonstrationen gegeben, mit der Forderung nach einem »Faschismus mit menschlichem Antlitz«? War die DDR-Staatsgründung vielleicht doch eher eine Folge des Zweiten Weltkriegs, wohingegen das Dritte Reich denselben – einen mörderischen Vernichtungskrieg – verschuldet hat?

Der Berliner Schriftsteller Friedrich Dieckmann sagt: »Wir haben 1989 und 1990 in der DDR das Phänomen eines friedlichen Staatsunterganges erlebt, ein wahrhaft antimythischer Vorgang – fast so etwas wie eine wirklich gewordene Utopie. Etwas voreilig wird die DDR heutzutage als gescheitert dargestellt; es gelang diesem Staat friedlich zu enden, nachdem er seine geschichtliche Aufgabe erfüllt hatte. Diese Aufgabe war nicht, wie viele glaubten und glauben, die Verwirklichung des Sozialismus in einem Viertelland (dies war das Mittel, nicht der Zweck), sondern die Gewöhnung der Deutschen an die 1945 von den Siegermächten gezogene neue deutsche Ostgrenze, der zufolge Mitteldeutschland zu Ostdeutschland wurde

Für die Menschen, die in dem Land gelebt haben, hat Günter Gaus einmal das Wort vom »Staatsvolk der kleinen Leute« gefunden. Waren doch in diesem Teil Deutschlands all jene, die über Besitz und Vermögen verfügt hatten, von den Nazis ermordet, ins Exil getrieben oder durch
die Eigentumspolitik der SED enteignet worden. Bis zum Mauerbau im August 1961 verließen jeden Monat Zehntausende die DDR, unter ihnen viele Akademiker: Ingenieure, Ärzte, Chemiker. Sie alle gingen nicht zuletzt, weil sie für ihre Kinder in der DDR keine Zukunft mehr sahen. An den Oberschulen und Universitäten wurden Arbeiterkinder bevorzugt. Was Gaus 1983 in seinem Buch Wo Deutschland liegt. Eine Ortsbestimmung schrieb, könne man zärtlich sagen oder zynisch – eine Anspielung auf die Springer-Presse und Journalisten wie Gerhard Löwenthal vom ZDF-Magazin, der die innerdeutsche Annäherung einst als »Wandel durch Anbiederung« bezeichnet hatte. Wie Jürgen Fuchs war auch Günter Gaus ein wichtiger Zeitzeuge: Als Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR pflegte er in den Jahren 1974 bis 1981 Kontakt mit den Größen aus Staat und Partei. Gleichzeitig war sein Dienstsitz in Ost-Berlin eine Anlaufstelle für Ausreisewillige und Oppositionelle.

Die Formel vom »Staatsvolk der kleinen Leute« ist heute völlig in Vergessenheit geraten. Ebenso das Urteil zur Zweistaatlichkeit der Deutschen, dass die Massenabwanderung aus der DDR die staatliche Teilung der Deutschen zu einer sozialen werden ließ. – Eben dieses soziale Gefälle zwischen Ost- und Westdeutschland wurde 1990 mit der deutschen Einheit noch verstärkt.

Die Zahl der Arbeitsplätze sank von 9,7 Millionen im Jahr 1989 auf unter sechs Millionen im Jahr 2000. Hinzu kommt, dass eine Arbeitsstelle in der DDR einen gänzlich anderen Stellenwert hatte. Eine deutliche Trennung von Arbeits- und Lebenswelt, wie sie der Kapitalismus mit sich bringt, hat es in der realsozialistischen Arbeitswelt nicht gegeben; will heißen: Die Menschen haben in ihrem Job nicht nur gearbeitet, sondern auch gelebt. Hier hatten sie ihren Freundeskreis. Zu einem Volkseigenen Betrieb gehörte ein Kindergarten, eine Bibliothek, ein Sportverein, eine Ambulanz, oft genug auch eine Physiotherapie. Betriebseigene Kulturhäuser waren keine Seltenheit. Der Soziologe Wolfgang Engler schreibt: »Die ostdeutschen Betriebe waren keine gewöhnlichen Arbeitsstätten, sondern vollständige Abbildungen des Großen im Kleinen […]. Sie verhöhnten die elementarsten ökonomischen Notwendigkeiten, aber sie setzten die Menschen in den Stand, Beruf und Familienleben miteinander zu versöhnen, regten ihre kulturellen Interessen an und trugen den sozialen Austausch weit über die engen Grenzen der Arbeitswelt hinaus.« Mit dem Ende dieser Arbeitswelt ging auch ein großer Teil der Lebenswelt unter. Die 8.000 Beschäftigten des Halbleiterwerks Frankfurt (Oder) wie auch die 16.000 im Kabelwerk Oberspree und viele andere – sie alle haben in den Jahren nach 1990 erheblich mehr verloren als nur ihre Arbeit. Die Vorstellung vom sozialen Scheitern war ihnen bis dahin fremd. Eine Ehe konnte scheitern, der Mensch konnte im Beruf scheitern – ein soziales Scheitern aber hatte es in der DDR nicht gegeben, es sei denn, man hatte einen Ausreiseantrag gestellt und verlor seine Anstellung, infolge einer eigenen Entscheidung. Und selbst dann war die soziale Existenz nicht wirklich bedroht. Miete, Bier und Lebensmittel waren billig; irgendwelche Hilfsjobs in der Gastronomie oder bei der Post gab es immer.

Engler konstatiert für die DDR-Gesellschaft im Rückblick: »Berufliche Laufbahn, Ansehen, Einkommen und Lebensstandard mochten den eigenen Wünschen entsprechen oder hinter ihnen zurückbleiben; die Grundlagen der Existenz blieben davon unberührt – sofern man sich ruhig verhielt. Wer das nicht wollte oder konnte, wer mit der DDR gebrochen hatte, setzte diese Existenz aufs Spiel, wenn er floh, sogar sein Leben, scheiterte aber nicht sozial. Er hatte eine persönliche Entscheidung getroffen, die im Kern politisch war, und zog daraus Kraft und Überlebenswillen. Wer, ferner, durch systematische Benachteiligung oder Repressalien aus dem Land getrieben und seiner Habe beraubt wurde, ohne sich mit den Mächtigen angelegt zu haben, machte das politische System für den Verlust verantwortlich, nicht das eigene Versagen

Nach der Wende war das soziale Scheitern für die Ostdeutschen eine gänzlich neue Erfahrung und es traf sie mit voller Wucht. Ein Scheitern, an dem sie selbst in der Regel keine Schuld trugen. Nochmal Engler: »Die Jagd nach Schuldigen lief von Adresse zu Adresse, wechselte Ansatz- und Angriffspunkte […]«. Lassen sich die Traumata der 1990er Jahre an die nächste Generation weitergegeben? In Ostdeutschland reproduziert sich der Hass inzwischen selbst. Peter Handke spricht in seiner Erzählung Wunschloses Unglück davon, »dass Eigentum verdinglichte Freiheit« sei. – Ohne Geld ist es mit der Freiheit nicht weit her.

Die Industriegesellschaft der DDR, die sich mehr oder weniger selbst versorgt hatte, hat sich in eine Transfergesellschaft verwandelt, in der ohne staatliche Finanzhilfe heute nichts mehr möglich ist, sei es als Subvention oder Sozialtransfer. Die Frage stellt sich: Ist die Freiheitsbewegung vom Herbst 1989 gescheitert? – Die Kerzenrevolution war ursprünglich der Aufbruch der Ostdeutschen aus der staatlichen Bevormundung. Hunderttausende von ihnen erleben heute eine viel stärkere Bevormundung, eine Abhängigkeit, die sie früher nicht für möglich gehalten haben. Viele von ihnen leben in existenzieller Angst, dass ihnen der Sachbearbeiter im Jobcenter die Lebensgrundlage streicht, aus welchen Gründen auch immer. Die Kohl-Regierung sah sich im Beitrittsgebiet schon sehr früh einem enormen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. Für den wirtschaftlichen Kahlschlag, für die Entwertung von Millionen Arbeitsbiografien war sie von den Ostdeutschen nicht gewählt worden. Was lag näher als den sozialen und kulturellen Niedergang mit der Geschichte zu erklären? Und je steiler die Talfahrt, desto dunkler das Bild von der »zweiten deutschen Diktatur«. Nie zuvor war in der Bundesrepublik Deutschland mit der jüngeren Geschichte derart Politik betrieben worden wie unter der Ägide des promovierten Historikers Helmut Kohl.

Unterdessen dürfen die Helden der Friedlichen Revolution, die sich jetzt Bürgerrechtler nennen, westdeutsche Besucher durch die Gedenkstätten führen. Mehr war für sie nicht drin. Mit der Wende hat es zwar einen Austausch der Eliten gegeben, nur sind die gesellschaftlichen Schlüsselpositionen in der Regel mit westdeutschen Führungskräften besetzt worden. Die hundert größten ostdeutschen Unternehmen, so eine Studie der Universität Leipzig, haben zu einem Drittel ostdeutsche Manager. Bundesweit sucht man sie ohnehin vergeblich: Nur 1,7 Prozent der Spitzenpositionen in der Wirtschaft sind von Ostdeutschen besetzt, bei einem Bevölkerungsanteil von 17 Prozent. Eine Anfrage der Partei Die Linke im Bundestag ergab unlängst, dass in allen Bundesministerien von 109 Abteilungsleitern vier einen ostdeutschen Hintergrund haben. In der aktuellen Regierung Merkel ist mit Familienministerin Franziska Giffey immerhin ein Kabinettsmitglied in der DDR geboren. Während bei den Auslandseinsätzen der Bundeswehr der Anteil der ostdeutschen Soldaten überproportional hoch ist und damit auch der Soldaten, die ihr Leben verlieren, finden sich unter 200 Generälen und Admirälen lediglich zwei mit ostdeutscher Herkunft. Anderes Beispiel: Dreißig Jahre nach dem Mauerfall gibt es im Ausland heute nicht einen deutschen Botschafter, der in der DDR geboren wurde. Was im Kalten Krieg, in Zeiten der Hallstein Doktrin, auf diplomatischem Parkett nicht gelingen wollte, ist mittlerweile trauriger Normalzustand: Die ständige außenpolitische Vertretung der Deutschen obliegt allein den Westdeutschen.

Vielleicht ist es an der Zeit, die Aufarbeitung der DDR-Geschichte aufzuarbeiten. Und vor allem die Geschichte danach: Der Autor Rolf Hochhuth fragte einmal mit Blick auf die neue Berliner Mitte, ob auf der Straße Unter den Linden auch nur ein Friseurgeschäft einem Ostdeutschen gehört. Sein Schauspiel Wessis in Weimar: Szenen aus einem besetzten Land sorgte seinerzeit für enormes Aufsehen. In ein, zwei Jahren wird man sich des Stückes wieder erinnern, das den Ausverkauf der DDR zum Thema hatte. Die 30-jährige Sperrfrist für die Treuhandakten wird dann abgelaufen sein. Irgendein Doktorand wird der Frage nachgehen, ob nach der Demontage der innerdeutschen Grenzanlagen 1990 die sozialen Gräben zwischen Ost- und Westdeutschland noch tiefer gezogen wurden. Der Schriftsteller Wolfgang Hilbig geißelte die Wiedervereinigung beziehungsweise ihre Folgen als »Unzucht mit Abhängigen«. In seiner Rede zur Verleihung des Lessing-Preises 1997 sagte Hilbig: »Vielleicht wird uns eines Tages die Erkenntnis kommen, dass erst jener Beitritt zur Bundesrepublik uns zu den DDR-Bürgern hat werden lassen, die wir nie gewesen sind, jedenfalls nicht, solange wir dazu gezwungen waren

Karsten Krampitz ist Historiker und Schriftsteller, lebt und arbeitet in Berlin und Klagenfurt.

Die Fotografien auf diesen Seiten stammen vom britisch-deutschen Fotografen Michael Kerstgens und wurden im Frühjahr 1990 in Gotha und Mühlhausen, Thüringen, aufgenommen. Noch hieß der Staat DDR, doch wenige Tage vor den Volkskammerwahlen vom 18. März war sein Ende bereits absehbar. Dieser Tage erscheint im Lehmstedt Verlag Kerstgens ́ Bildband Zwischenzeiten mit einem Essay von Karsten Krampitz.

Lost your password? Please enter your username or email address. You will receive a link to create a new password via email.
We do not share your personal details with anyone.