N°9POLITIK | 01.09.21

Das Erbe der Troika in Griechenland

Angela Merkels Amtszeit ist noch nicht einmal zu Ende, schon wird sie verklärt. Die Waldbrände in Griechenland erinnern uns allerdings an ihre verheerende Politik. 

________________________

VON MARTIN KONECNY UND LISA MITTENDREIN


Martin Konecny ist Redakteur des linken Blogs Mosaik und arbeitet zur EU-Handelspolitik. Lisa Mittendrein ist Sozioökonomin und ebenfalls Redakteurin bei Mosaik, außerdem arbeitet sie bei Attac, unter anderem zum Thema Finanzmärkte.

Illustration: Lea Berndorfer

Griechenland erlebte diesen Sommer die schlimmste Hitzewelle seit über 30 Jahren. Die Temperaturen stiegen auf bis zu 47 Grad, immer mehr Wälder fingen Feuer, Anfang August gab es Brände im ganzen Land. Besonders betroffen waren der Norden von Athen und die Insel Euböa, auf der über 200.000 Menschen leben. Expertinnen schätzen, dass zehn bis zwölf Prozent der griechischen Wälder in Flammen standen. In den meist wohlhabenden Vorstädten nördlich von Athen brannten unzählige Häuser, ebenso Betriebsgebäude entlang der Autobahn. Die Stromversorgung brach in Teilen von Athen immer wieder zusammen. Tagelang atmeten die 3,8 Millionen Bewohnerinnen und Bewohner der Hauptstadtregion den Rauch des Feuers ein. Auf Euböa verbrannten Dörfer, landwirtschaftliche Flächen und Tausende Bienenstöcke – die Insel produziert 20 Prozent des griechischen Honigs. Apokalyptische Bilder zeigen, wie Hunderte Menschen vor einer Feuerkulisse mit der Fähre evakuiert werden. Denn Evakuierungen waren das Einzige, was in dieser Krise funktionierte – bisher starben nur zwei Menschen. 

Die schrecklichen Brände sind, wie schon oft analysiert wurde, eine Folge der Klimakrise. Der neue Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) bestätigt, dass der Mittelmeerraum ein Hotspot der Auswirkungen der Klimakrise ist. Doch die Brände sind auch das Erbe der brutalen Austeritätspolitik, die die Troika (Europäische Zentralbank, Europäische Kommission und Internationaler Währungsfonds) ab 2011 in Griechenland durchsetzte. Als das Land 2010 in die Staatsschuldenkrise schlitterte, »retteten« EU und Internationaler Währungsfonds (IWF) es mit Hunderten Milliarden an Krediten, denn ein Staatsbankrott hätte die maroden europäischen Banken gefährdet. Diese Gelder flossen letztendlich wieder in den Finanzsektor, gleichzeitig musste Griechenland drakonische Auflagen erfüllen. Sozialausgaben und Pensionen wurden massiv gekürzt, Häfen und öffentliche Betriebe privatisiert, Zehntausende im öffentlichen Dienst entlassen und der Mindestlohn auf 580 Euro (brutto) gesenkt. 

Die Kürzungsmaßnahmen wurden Griechenland von der Troika detailliert vorgeschrieben, ständig wurde mit der Streichung der Kredite gedroht. Der damalige deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble wollte Griechenland aus der Währungsunion werfen. Angela Merkel und ihre Verbündeten setzten viel aufs Spiel, um die herrschende Ordnung der EU aufrechtzuerhalten. Die strukturellen Probleme der Eurozone wurden vertuscht und über Austerität versucht, die langfristige Profitabilität des Kapitals in der europäischen Peripherie wiederherzustellen. Das Ergebnis ist den Leserinnen bekannt: Not und Zerstörung. 


WÖRTER: 877

LESEZEIT : 5 MINUTEN

Lesen Sie diesen Artikel jetzt weiter: