N°11POLITIK | 30.10.20

Niederlage ohne Heldenlied

Die Schlacht um die Mainzer Straße vor 30 Jahren war eine beispiellose Gewaltexplosion. Mit ihr endete nicht nur der kurze Sommer der Anarchie für die Hausbesetzer und Hausbesetzerinnen Ostberlins, sondern auch die friedliche Revolution in der DDR. 

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Von Andreas Baum

Andreas Baum, geboren 1967 in Göttingen, aufgewachsen in Nairobi und Nordhessen, war in den Neunzigerjahren Hausbesetzer in Ostberlin. Heute lebt er als Journalist und Schriftsteller in Berlin. 2016 erschien sein Wenderoman Wir waren die neue Zeit (Rowohlt).
Fotografie: Die Bilder auf dieser Seite wurden im Herbst 1990 in der Mainzer Straße aufgenommen. Das Umbruch Bildarchiv hat sie uns zur Verfügung gestellt.

Zu den vielen architektonischen Scheußlichkeiten, die das Dritte Reich hinterlassen hat, gehört zweifellos das Flughafengebäude in Berlins Bezirk Tempelhof. Es ist exakt 1.230 Meter lang und damit das längste Gebäude Europas. In einem Fuß des stilisierten Greifvogels, den das Monstrum aus der Luft betrachtet darstellen soll, ist seit vielen Jahren die Berliner Polizeihistorische Sammlung untergebracht: Schaufensterpuppen tragen historische Uniformen, in Glasvitrinen liegen Einbrecherdietriche und Schutzmannknüppel friedlich nebeneinander. Sorgfältig und nicht ohne Anerkennung ihrer Leistung werden die Raubzüge der Brüder Sass dokumentiert, die im Berlin der Zwanzigerjahre Tunnel gruben und Banktresore aufschweißten – und am Ende doch geschnappt wurden.

Eines der Hinterzimmer ist für den Berliner Häuserkampf reserviert. Hier steht neben einem zerbeulten Mannschaftswagen und einer selbstgebauten Riesenzwille ein bemerkenswertes Ausstellungsstück: ein Spielzeugnachbau der Schlacht um die Mainzer Straße, in liebevoller Kleinarbeit zusammengeklebt von einem Polizeibeamten im Ruhestand. Im Modelleisenbahnformat 1:87 schiebt ein kleiner Plastikräumpanzer Barrikaden aus Autos und Kabeltonnen beiseite, in seinem Windschatten rücken winzige Polizisten vor, mit weißen Helmen und Schilden. Auf Dächern und Balkonen stehen Vermummte mit Fässern und anderen Gegenständen, im Begriff, sie auf die vorrückende Polizei zu werfen. Aus den Fenstern hängen Transparente, auf einem der wenigen nicht umgeworfenen Bauwagen steht: »Bulle, deine Angst ist begründet.«

Hausbesetzer und Hausbesetzerinnen lieben dieses Exponat. Sie können es gar nicht lange genug betrachten, sie stehen davor und entdecken immer neue, immer kleinere, sorgfältig ausgearbeitete Details. Sie diskutieren und erzählen, kommen ins Schwärmen, fabulieren noch auf dem Weg nach draußen, und wirken plötzlich ruhiger, glücklich fast. Als hätte sich etwas gelöst. Nicht weil dieses Modell besonders präzise den 14. November 1990 in der Mainzer Straße abbildet. Sondern weil der Erschaffer ein Bild seines Traumas geschaffen hat. Die Bastelarbeit ist Teil seiner Therapie gewesen, ein Versuch, seiner posttraumatischen Belastungsstörung beizukommen. 

Für die, die damals dabei waren, hat dieses Modell daher etwas Tröstliches. Einen Beweis zu haben, und sei er nur aus Pappmaché, dass dieser Tag auch für die anderen ein Schock gewesen ist, dass er sie nicht schlafen lässt und ihnen bis heute nachgeht, lindert den eigenen Schmerz. 

Ein Straßenfest in der »Mainzer« am 8. September 1990.

WÖRTER: 3338

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