N°6POLITIK | 27.05.20

»Sie werden uns verbrennen, wenn wir nicht aufpassen«

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Die italienisch-amerikanische Philosophin und Aktivistin Silvia Federici widmet sich in ihrer Arbeit der feministischen Implikation von Kapitalismuskritik. Ein Gespräch über die blinden Flecken von Marx, die unzähligen Facetten des globalen Kriegs gegen Frauen und probate linke Perspektiven. 

Nicole Schöndorfer im Gespräch mit Silvia Federici
Das Gespräch mit Silvia Federici
hat Christopher Glanzl für uns
fotografisch festgehalten.

Nicole Schöndorfer | Grundlegend für dein Denken ist deine Kritik an Marx’ Konzept der ursprünglichen Akkumulation. Er berücksichtige nur entlohnte Arbeit und ignoriere nicht-entlohnte Arbeit, die größtenteils von Frauen erledigt wird. Inwiefern ist diese Kritik wichtig, um den Kapitalismus zu verstehen?

Silvia Federici | Marx ist unerlässlich für die Formulierung feministischer Theorie und Politik. Sein historischer Materialismus hat uns gelehrt, dass gesellschaftliche Veränderungen auf ökonomischen Prozessen und den damit einhergehenden Macht- und Klassenverhältnissen beruhen. Ganz zu schweigen von seiner Analyse des Kapitalismus als System, das auf der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft aufbaut. Gleichwohl ist es wichtig, zu sehen, dass Marx nie die Geschlechterverhältnisse im Kapitalismus thematisiert hat. Er nimmt die spezielle Situation von Frauen in der kapitalistischen Gesellschaft erst in dem Moment wahr, in dem sie die Fabrik betreten. Marx’ Analyse konzentriert sich auf die Organisation der Warenproduktion. Er sagt wenig Substanzielles über die Reproduktion der Arbeitskraft. Er erkennt zwar an, dass Arbeitskraft keine natürliche Gegebenheit ist, jeden Tag aufgebraucht wird und demnach regeneriert werden muss. Doch er verbindet diesen Prozess nicht mit der Arbeit von Frauen. Stattdessen beschreibt er das lustige Phänomen des Arbeiters, der sich durch den Markt selbst reproduziert, indem er Waren kauft und konsumiert. Er verliert kein Wort darüber, dass Essen zubereitet, Kleidung gewaschen und Kinder umsorgt werden müssen. Durch seine Erkenntnis allerdings, dass Arbeitskraft produziert werden muss, kamen wir auf die Idee, dass es hier um den Kern der Hausarbeit geht. Das brachte uns dazu, das Haus als Fabrik zu betrachten. Marx hat sich nie auf die Stellung von Frauen an sich konzentriert, aber er hat das Werkzeug bereitgestellt, Hausarbeit als eine der tragenden Säulen der kapitalistischen Arbeitsorganisation zu betrachten. 

NS | Ohne seine Theorie könnten wir Marx nicht kritisieren. Du betonst stets die Trennung zwischen Produktion und Reproduktion, obwohl man sie nicht trennen kann. Warum?

SF | Reproduktionsarbeit ist in der Geschichte der kapitalistischen Gesellschaft feminisierte Arbeit. Sie wird nicht entlohnt und größtenteils von Frauen gemacht. Tatsächlich ist die Organisation der Reproduktionsarbeit zur Gänze von der kapitalistischen Organisation der Produktion abhängig. Die Arbeit, die Frauen zuhause machen, richtet sich nach der Arbeit, die ihre Männer in der Fabrik machen. Es macht einen Unterschied, ob man die Frau eines Bergarbeiters oder eines Angestellten ist. Der Zeitplan in der Fabrik oder im Büro regelt auch die Arbeit der Hausfrau zuhause: Wann sie aufstehen, Mahlzeiten zubereiten und Ordnung im Haus machen muss. 


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