N°5REZENSIONEN | 27.03.20

Ab mit dem Kopf

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Von Jana Volkmann

Wu Ming

Die Armee der Schlafwandler

Aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold
Assoziation A, 2020, 704 Seiten
EUR 28,80 (AT), EUR 28,00 (DE), CHF 38,90 (CH)

»Die Monarchie gründet sich auf das Recht des Blutes, also musste es vergossen werden«: Das italienische Kollektiv Wu Ming erzählt in Die Armee der Schlafwandler von der Französischen Revolution, Blutvergießen, alten Narben und körperlicher (Un-)Zucht. Ereignisgeschichte wird allenfalls gestreift. Stattdessen treten die in den Mittelpunkt, die angesichts der Gemengelage aus Revolution und Konterrevolution von der herkömmlichen Geschichtsschreibung marginalisiert oder gar vergessen werden. Zum Beispiel Frauen.

Im Jahre 1793 lässt sich zumindest auf der Mikroebene mit (proto-)feministischer Solidarität durchaus etwas reißen. Korrupte Ladenbesitzer treiben die Zuckerpreise noch mehr in die Höhe, als die Umstände es erzwingen, während hinten im Geschäft Kolonialwaren und seltene Güter (Mehl! Oh, die Ironie.) gehortet werden. Da haben sie die Rechnung ohne die Frauen gemacht, die sich ihres Status als politische Subjekte – und Unruhestifterinnen – gewahr werden. Und auch als Arbeiterinnen, die dem Kapital nicht nur durch Reproduktion, sondern auch durch Produktion dienstbar sind: »Der Tischler verteidigte die Republik im Krieg, während die Frauen in seiner Werkstatt Gewehre fürs Vaterland herstellten.« Und die allgegenwärtige »Madame Guillotine« kennt erst recht keine Gnade. Köpfe rollen, dass es das reinste Spektakel ist. In anderen Fällen werden Monarchisten in dunklen Ecken schlicht totgeprügelt. Während Ludwig XVI. bereits im Unterhemd und mit abgeschnittenem Zöpfchen auf die Guillotine wartet und das Ancien Régime mit ihm zu Ende geht, widmen sich zwei der Hauptfiguren – als Scaramouche und Colombine hergerichtete Schauspieler – lieber ihrer Lüsternheit. 

Unterdessen bringen Magnetiseure das Fluidum ihrer Patientinnen in Wallung. Auch das ist eine biopolitische Unterdrückungsgeste, von denen es im Buch so einige gibt. Wu Ming schicken dem Roman ein Zitat von Michel Foucault voraus; dessen Abhandlungen zur Historizität des Körpers, zu Überwachen und Strafen, zu Diskurs und Macht sind eine brauchbare Folie für die Lektüre. Wu Ming, entstanden aus der aktivistischen Subkultur Bolognas, agieren seit den 1990ern als Fünferkollektiv, zunächst unter dem Pseudonym Luther Blissett. Ihr Romandebüt Q über einen Wiedertäufer zur Zeit der Bauernkriege war ein großer Erfolg. Dabei halten sie nicht viel von den Gepflogenheiten des Markts. Plagiieren ist erwünscht, zu nichtkommerziellen Zwecken dürfen die Werke kopiert werden. So geht Autorenschaft auch: als akephales Gegenkonzept zu Genie- und Personenkult. Angesichts dieser ambitionierten Werkausgabe der Assoziation A hätten Wu Ming – die nun zu viert schreiben – es verdient, dass sie öfter auf dem feuilletonistischen Radar auftauchen. Und vielleicht muss man auch Klaus-Peter Arnold an dieser Stelle nennen, der Die Armee der Schlafwandler vortrefflich ins Deutsche übertragen hat, mit all seinen stilistischen Nuancen: Mal werden Pamphlete eingebunden, dann wieder dem Volk aufs Maul geschaut. Ein großes Glück, dieser aberwitzige, intellektuelle, überbordende Roman.