N5 | REZENSIONEN | 01.05.2021

Aufstand gegen China in China

___________________

VON DANIEL FUCHS



Au Loong-Yu 

Revolte in Hongkong

Die Protestbewegung und die Zukunft Chinas

Herausgegeben vom Forum Arbeitswelten e. V.

Bertz + Fischer, 2020, 320 Seiten

EUR 14,40 (AT), EUR 14,00 (DE), CHF 20,50 (CHF)


Mit Revolte in Hongkong hat der prominente Aktivist und Publizist Au Loong-Yu die bis dato lesenswerteste Monografie zur Protestbewegung von 2019 vorgelegt. Detailliert zeichnet er nach, wie sich die Proteste am Gesetzentwurf für ein Auslieferungsabkommen mit dem chinesischen Festland entfachten und zu einer übergreifenden Bewegung mit der Kernforderung nach Einführung eines allgemeinen Wahlrechts entwickelten – einer Bewegung, an deren Höhepunkt zwei Millionen Menschen auf die Straße gingen und sich Hunderttausende an einem politischen Generalstreik beteiligten.

Neben einer historischen Kontextualisierung der Proteste und deren Entwicklungsgeschichte bietet Au eine umfassende Analyse der zentralen Ereignisse, Akteure, Themen und Kampfformen. Es handelt sich um die Analyse eines Aktivisten. Diese Nähe übersetzt sich aber nicht in einseitige Verklärung, sondern ermöglicht es dem Autor, nuancenreich die Vielschichtigkeit und Widersprüche der Bewegung einzufangen.

Einen zentralen Faktor für Entstehung und Dynamik der Bewegung sieht Au im Aufbruch der »Generation 1997«. Gemeint sind die kurz vor beziehungsweise nach der Übergabe Hongkongs an die Volksrepublik China Geborenen – die heute unter Dreißigjährigen, die laut Umfragen knapp die Hälfte der Protestteilnehmer ausmachte. Zum »Rückgrat der Bewegung« wurde diese Generation weniger aufgrund ihrer zunehmend prekären Arbeits- und Lebensverhältnisse in einer von Laissez-faire-Kapitalismus und gravierender Jugendarmut geprägten Stadt. Wesentlich sei vielmehr die Erfahrung ständiger Angriffe auf die Autonomie und politischen Freiheiten Hongkongs in den letzten Jahren gewesen – Angriffe, die die Herausbildung einer Hongkonger Identität beförderten.

Besonders überzeugend ist Au dort, wo er die Vielfalt der politischen Positionen innerhalb der Protestbewegung herausarbeitet und einordnet. Er unterstreicht, dass die weitgehend spontane, führerlose Mobilisierung mit ihren progressiven Forderungen und dem Fokus auf direkte Aktionen Teilerfolge erzielen konnte. Das Misstrauen gegenüber verbindlichen Organisationsstrukturen und das Fehlen von demokratischen Debatten habe aber zur Marginalisierung linker Positionen beigetragen. Rechte und fremdenfeindliche Strömungen erhielten eine wachsende Bedeutung, führten die äußerst heterogene Bewegung jedoch nie an. Fortbestehen könne die Bewegung für Au jedoch nur, wenn eine Strategie zur Anbindung an die sozialen Kämpfe in Festlandchina entwickelt werde.

Au mahnt davor, sich vor den Karren der geopolitischen Interessen der USA spannen zu lassen. Gleichermaßen entschieden stellt er sich gegen die Behauptung, die Bewegung sei von »ausländischen Mächten« gelenkt. Diese auch von Teilen der internationalen Linken geteilte Interpretation gehe an dem wahren »externen« Einflussfaktor vorbei: das koloniale Erbe, etwa in Form der repressiven Kolonialgesetze, an deren Beibehaltung auch die chinesische Regierung interessiert sei.

Revolte in Hongkong ist nichts weniger als eine Pflichtlektüre für all jene, die sich für soziale Bewegungen und die Zukunft Chinas interessieren. So hat sich die Lage seit der Veröffentlichung des Buchs weiter zugespitzt: Die auch von Au beschriebene Tendenz zahlreicher neuer Gewerkschaftsgründungen setzte sich zwar fort. Doch das im Juni 2020 verabschiedete Nationale Sicherheitsgesetz hat zu einer anhaltenden Welle an Verhaftungen und der Kriminalisierung all jener geführt, die sich für die Selbstbestimmung Hongkongs engagieren.