10 | REZENSIONEN | 01.10.2021

Augsburger Gespensterkiste

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Von Stefan Schmitzer

Georg Klein
Bruder aller Bilder
Rowohlt, 2021, 272 Seiten
EUR 22,70 (AT), EUR 22,00 (DE), CHF 30,90 (CH)


Wir können Bruder aller Bilder als Roman einer endlich gelingenden Sozialisation in einer beliebigen kleinen Großstadt lesen. Jede Konkretisierung des Schauplatzes ist aus dem Text nicht so sehr getilgt als für ihn überflüssig; keine der Figuren erwähnt je einen Ort, ein Detail der Lokalhistorie, den oder das es nicht genau so überall sonst in Deutschland gibt, wo die Einwohnerzahl zwischen 150.000 und 400.000 beträgt. Einzig das gelegentlich erwähnte Wäldchen lässt sich googeln und erschließt der interessierten Leserin, dass wir uns in Augsburg befinden.

»Endlich gelingende Sozialisation« heißt, am Ende hat sich die hermetische Schließung einer Lebenswelt vollzogen. Die Protagonistin ist mit dem Schönheitschirurgen von nebenan zusammen, sie genießt die Protektion von dessen bester Klientin, der Frau Gräfin, der auch die Zeitung gehört, bei der sie arbeitet; sie genießt weiters den Respekt des virilen Sportreporters, der ihr Vater sein könnte; selbst aus dem Jenseits schließlich genießt sie den Segen der verstorbenen Mutter. Um diese tote Mutter geht es »eigentlich«. Im Verlauf des Romans tritt sie als privilegierte Beobachterin und gespensthafte Erzählerin hervor und versucht gar ins Diesseitige einzugreifen; wie sie erst angesichts der Geschichte ihrer Tochter posthum Frieden mit der Beschränktheit des Daseins in der beschränkten Kleinstadtwelt und der schlecht geglückten Beziehung zur Tochter findet, ist die Rahmenhandlung in Bruder aller Bilder, die uns die Leserichtung vorgibt.

Dass wir diesen Dreh erst einiges nach der Hälfte bemerken können, als Kippeffekt, der das bis dahin Gelesene neu sortiert, ist unvermeidlich, aber es stellt auch eine Schwäche des Buches dar. Denn vor dem Wirksamwerden dieses Effekts lesen wir im Wesentlichen davon, wie verschiedene Instanzen in letztlich austauschbarem jovialen Gestus auf die Protagonistin einreden, und wie diese aufmerksam und folgsam von Szene zu Szene einer Geschichte tappen, von der wir zuerst glauben müssen, sie sei ein tatorthaftes Kriminalrätsel um einen attackierten Zeugwart.


WÖRTER: 498

LESEZEIT: 3 MINUTEN

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