11 | REZENSIONEN | 03.11.2021

Hegemonie und Abschied

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VON OLIVER PRAUSMÜLLER

Christoph Scherrer
AMERICA SECOND?
Die USA, China und der Weltmarkt
Bertz + Fischer, 2021, 132 Seiten
EUR 8,30 (AT), EUR 8,00 (DE), CHF 11,90 (CH)


Noch kannte die Welt keine Covid-19-Krise. Und die Nachwehen der Finanzkrise ab 2007 interessierten nur mehr wenige. Die Verunsicherung des globalisierten Kapitals trug am Weltwirtschaftsforum 2017 einen anderen Namen: Trump. Könnten die »America First«-Rufe und die aggressive Außenwirtschaftspolitik des US-Präsidenten gar zum Sprengkopf für die Globalisierung werden? Von einer »verkehrten Welt« sprach damals etwa das deutsche Handelsblatt und streute stattdessen der erstmaligen Eröffnungsrede des chinesischen Staatspräsidenten Rosen. 

Für ein besseres Verständnis derartiger Führungsdebatten setzt das frisch erschienene Büchlein America Second? wertvolle Akzente: So ermöglichen der historische Zugriff des Autors und seine kenntnisreichen Innenansichten der US-Außenwirtschaftspolitik, platte Einordnungen entlang der Pole »Freihandel« und »Protektionismus« zu vermeiden. Stattdessen wird nicht zuletzt am Beispiel der konfrontativen Strategie Trumps gegenüber China gezeigt, wie darin offensive Liberalisierungsinteressen und defensive Schutzvorkehrungen gegenüber wirtschaftlichen Rivalen zusammenlaufen (wie etwa im »Wirtschaftskrieg« um technologische Führerschaft). Für eine derart strategische Handelspolitik lassen sich auch wichtige Parallelen zur Reagan-Ära ziehen: Bereits damals war die Drohung mit eigenen Marktschließungen ein Mittel, um andere Nationen zu handelspolitischen Zugeständnissen zu zwingen (wie etwa Japan). Während Scherrer die aggressive Handelspolitik der Trump-Präsidentschaft jedoch im Falle von China als gescheitert ansieht, wird dieser gegenüber schwächeren Verhandlungspartnern wie Mexiko und Kanada bei der Neuverhandlung des NAFTA-Abkommens durchaus Erfolg bescheinigt. Dieser historische, hegemonietheoretisch informierte Zugang Scherrers erlaubt zudem, zentrale Triebkräfte der diesbezüglichen Politik Bidens offenzulegen. 


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