N°4REZENSIONEN | 27.03.20

Nie ohne Engels

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Von David Mayer

Michael Krätke (Hrsg.)

Friedrich Engels oder: Wie ein 
»Cotton-Lord« den Marxismus erfand
Dietz, 2020, 200 Seiten
EUR 12,40 (AT), EUR 12,00 (DE), CHF 15,90 (CH)

Friedrich Engels genießt unter vielen Marxismusinterpreten keinen guten Ruf. Aus dem vormals ehernen Doppel »Marx-Engels« wurde Letzterer seit den 1990er Jahren zunehmend herausgelöst. Die gegen den Begleiter und Mitdenker von Karl Marx erhobenen Vorwürfe wiegen schwer: Engels sei seinem Weggefährten intellektuell nachgereiht gewesen, er habe Marx, insbesondere nach dessen Tod, bewusst vereinfacht und begradigt. Durch ihn wurde jener Weg eröffnet, auf dem das offene, komplexe Werk Marx’ zu einer gedanklichen Ressource für die aufsteigende Arbeiterbewegung und in weiterer Folge zu einer vulgären Ideologie wurde. 

Michael Krätke – Ökonom, Journalist, genauer Kenner Marx’scher Schriften und Editionen – beschreibt solche Sichtweisen als »Engels-Bashing« und tritt ihnen in diesem Lesebrevier, das anlässlich von Engels’ 200. Geburtstag erschienenen ist, mit Nuancierung und Kontextualisierung entgegen. Sein einleitender Text ist ein zügiger wie farbiger Essay, der – auch wenn der Ton an manchen Stellen etwas flott-kumpelhaft gerät – eine klare argumentative Richtung hat. Er umreißt eine vielseitige, chamäleonartige Person, die verschiedenartige Rollen – Unternehmer, Mäzen, Intellektueller, Lebemann, politischer Vernetzer – und ein breites Spektrum wissenschaftlicher Interessen in sich vereinte. Im Zentrum des Essays steht indes Engels als Autor und Begleiter von Karl Marx. Krätke macht deutlich, dass sowohl biografisch als auch intellektuell Marx ohne Engels nicht zu verstehen ist. Für etliche Momente und Dimensionen des Marx’schen Denkens verweist er auf die anstoßende und entwerfende Rolle Engels: bei den Versuchen einer engagierten Sozialforschung, der Beschäftigung mit Geschichte oder der Auseinandersetzung mit Fragen der Naturwissenschaft. Am wichtigsten sind aus Krätkes Sicht indes Engels’ Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie (1844), die Marx überhaupt erst auf die Fährte dieses Gebiets brachten. Dieser Aufsatz findet sich auch in der Textsammlung des Bändchens.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Krätke Friedrich Engels in seiner Rolle als Editor des zweiten und dritten Bands des Kapital nach Marx’ Tod. Für Krätke ist es Engels zu verdanken, dass in mühevoller Arbeit die von Marx hinterlassenen Entwürfe (in einer Handschrift, die zum damaligen Zeitpunkt nur Engels lesen konnte) überhaupt zu lesbaren Werken wurden. Engels hat »ausgewählt, gekürt, … ergänzt und Zusätze gemacht«. Es sei weniger bemerkenswert, dass dabei Fehler unterliefen, sondern wie häufig der Editor aus der Sicht der heutigen Forschung die wahrscheinliche Intention von Marx präzise traf. 

Auch auf die als Anti-Dühring bekannt gewordene Schrift, welche seit dem Ende der 1880er Jahre einer neuen Generation von Lesern eine Zusammenfassung Marx’scher Ideen anbot, legt Krätke ein gesteigertes Augenmerk. Gegen den Vorwurf einer flachen Vulgata, die nicht im Sinne Marx’ war, führt er die aktive Mitwirkung des Letzteren an diesem Werk an. Wenn man Krätke folgt, galt offenbar für beide, Marx und Engels, eine widersprüchliche Ambivalenz: Wiederholt äußerten sie sich irritiert über verkürzte Aneignungen ihrer Gedanken und verteidigten diese als eine Art wissenschaftliches Arbeitsprogramm. Zugleich wollten sie Verdichtung, Zugänglichkeit und damit Wirkmacht von Ideen, die sie als grundlegend politische betrachteten. Engels verstand dieses Doppel besser als so manche Marxexegetikerinnen und -exegetiker heute.

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