Künstlerinnen aus dem Schatten

von Nina Bandi

411 wörter
~2 minuten
Künstlerinnen aus dem Schatten
Linda Nochlin
Warum gab es keine großen Künstlerinnen?
Essays herausgegeben von Maura Reilly. Aus dem Englischen von Margot Fischer. Band 1: 1971–1999. Marsyas, 2023, 352 Seiten
EUR 34,00 (AT), EUR 34,00 (DE), CHF 43,00 (CH)

In den letzten Jahren haben sich viele Museen der bildenden Kunst daran gemacht, vermehrt (oder zeitweise sogar nur) Künstlerinnen auszustellen, um dem immer noch männlich geprägten Kunstkanon entgegenzuwirken. Was in kleinen Kunsträumen schon seit Jahrzehnten explizit thematisiert wurde, ist damit in den großen Kunstinstitutionen angekommen. Freilich, ob sich mit der bloßen Repräsentation tatsächlich etwas an den Strukturen des künstlerischen Feldes geändert hat, bezweifeln die meisten Beobachterinnen.

In diesem Kontext erhält die (Re-)Lektüre der Schriften Linda Nochlins, einer der wichtigsten feministischen Kunsthistorikerinnen aus dem anglophonen Raum, besondere Brisanz. Nochlin, die 2017 verstarb, schrieb ihren für die feministische Kunst und Kunstgeschichte bahnbrechenden Essay Why Have There Been No Great Women Artists? bereits 1971. Nun hat der Wiener Marsyas-Verlag diesen sowie andere Texte erstmals auf Deutsch zugänglich gemacht. Wie Nochlin in einem in diesem Band ebenfalls abgedruckten Interview erzählte, war ihr die Frage in dieser unumwundenen Weise von einem Galeristen gestellt worden, und ein Ziel des Essays bestand darin, die problematischen Grundlagen dieser Frage zu dekonstruieren: Dazu zählt unter anderem »ein riesiger dunkler Block dubioser ›idées reçues‹ über das Wesen der Kunst und ihre situativen Begleiterscheinungen«. Der männlich konnotierte Geniebegriff gehört hier ebenso dazu wie die gängige Praxis, Kunst enthoben von den jeweiligen Entstehungsbedingungen als etwas Absolutes zu setzen.

Als Teil der strukturellen Bedingungen von Kunst analysiert Nochlin auch den seit Herausbildung »der« Kunst jahrhundertelang durch Geschlecht, Herkunft und Klasse beschränkten Zugang zu (künstlerischer) Bildung. Dass sich Nochlin gleichzeitig gegen jegliche Essentialisierung von Geschlecht und einen angeblichen »weiblichen« Stil in der Kunst verwehrt, dem bisher bloß nur zu wenig Beachtung geschenkt worden wäre, ist bemerkenswert. Und unterstreicht die Anschlussfähigkeit ihrer Arbeit an heutige Diskussionen: Nochlin reklamierte für die Kunst bereits damals eine kritische Perspektive, die von der (geschlechtlichen, sozialen und ethno-rassialen) Situiertheit aller Akteure ausgeht. Mit ihrem Blick nahm sie damit vorweg, was erst Jahrzehnte später als »intersektionale Perspektive« breit diskutiert werden sollte.

Der reich bebilderte und gut übersetzte Band ermöglicht nicht nur eine Wiederaneignung eines bis heute fundamentalen Essays der feministischen Kunstgeschichte, sondern bettet diesen im Ensemble anderer Texte in das reichhaltige Schreiben und den großen Wissensfundus Nochlins ein: Leser finden in den Texten anschauliche Analysen zu Künstlerinnen vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart und damit einen kunsthistorischen Blick auf Akteurinnen, die heute, trotz all der Ausstellungen und Debatten, noch immer marginal erscheinen.

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