Mario Kiesenhofer: Schillernde Spuren

von Christina Töpfer

»Bilder der Auseinandersetzung« 6|25

Mario Kiesenhofer, Lichtstudie und zwei Bilder aus der Serie: Aura, 2025, Pigment Print, 50×70 cm

Für seine Fotoserie Aura (2025) greift Mario Kiesenhofer Objekte aus dem Archiv von Qwien, dem Zentrum für queere Kultur und Geschichte in Wien, auf. Dieses sammelt und bewahrt Gegenstände queerer Alltagskultur, verfügt über eine Bibliothek mit entsprechendem Schwerpunkt und bietet zahlreiche Veranstaltungen zu queerer Geschichte in Wien und Österreich an.

In Aura dokumentiert Kiesenhofer einige dieser Objekte, die einen Bezug zum privaten oder öffentlichen queeren Leben in Wien haben. Während Walter Benjamin 1936 in seinem berühmten Aufsatz den Verlust und das »Verkümmern« der Aura eines Kunstwerks im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit durch die Medien Fotografie und Film konstatierte, nutzt Kiesenhofer die fotografische Abbildung ausgewählter Alltagsobjekte mittels in einem speziellen Studiosetting generierter Effekte, um sie mit einer verführerischen, anziehenden Aura aufzuladen.

Gegenstände wie Protestschilder, die Verpackung eines HIV-PrEP-Medikaments, T-Shirts mit aktivistischen Statements, behördliche Dokumente oder Gegenstände aus Wiener Lokalen und Clubs, die sich für die Rechte sexueller Minderheiten einsetz(t)en, werden in den Stillleben in einen komplett anderen visuellen Kontext überführt. Durch leichte Kamerabewegungen während der Aufnahme, vor dem Objektiv platzierte Farbfilter und den Einsatz von Blitzlicht erfahren sie einen »queering moment«, der über ihre reine Dokumentation hinausgeht. Stattdessen entwickeln sie ein schillerndes visuelles Eigenleben.

Nicht zuletzt geht es in Aura aber auch um Geschichten von Stigmatisierung und Traumata, die viele Menschen der LGBTQ+-Szene in sich tragen und die über Generationen hinweg spürbar sind. So sind die Objekte nicht nur Repräsentanten einer bestimmten damit jeweils verbundenen Erzählung, die innerhalb des Archivs kontextuiert wird, sondern verweisen auch auf Erfahrungen, die weniger an der Oberfläche greifbar sind. Die Stillleben Mario Kiesen­hofers öffnen vor diesem Hintergrund einen Diskursraum, der verschiedene Kontexte und Generationen queeren Lebens in Wien und Österreich eint und miteinander in Beziehung setzt. Die gesamte Serie Aura ist im Rahmen der Foto Wien vom 8. Oktober bis 2. November 2025 im Qwien, Ramperstorffergasse 39, zu sehen.

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