Am 23. November nahm Eva Menasse in Krems an der Donau den »Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln« entgegen. In ihrer Dankesrede erinnert sie an die Fälle der Autor:innen Adania Shibli und Fabian Wolff als Beispiele dafür, was faul ist im liberalen Gebälk unserer Gesellschaften.
Zwei Geschichten will ich Ihnen wiedererzählen, damit sie nicht ganz so schnell verlorengehen wie die allermeisten Geschichten, die Tag für Tag in solcher Menge und Geschwindigkeit über uns hereinbrechen, dass man gar nicht mehr dazukommt, die besonderen von den banaleren zu unterscheiden oder gar, sich etwas für länger zu merken.
Als erstes möchte ich an eine andere Preisverleihung erinnern, die vor ziemlich genau zwei Jahren nicht stattfinden konnte. Damals handelte es sich um einen vergleichsweise kleinen, wenig bekannten und mager dotierten Preis, den es aber immerhin schon seit 1987, also seit 36 Jahren, gab. Sein Name war LiBeraturpreis, eine schön poetische Verschmelzung der Wörter Literatur und Befreiung, und man hatte ihn zur Förderung der traditionell weniger beachteten Literatur des Globalen Südens – also von Autorinnen und Autoren aus Afrika, Asien, Südamerika und des arabischen Raums – geschaffen. Vor zwei Jahren war er der Schriftstellerin Adania Shibli bereits im Juni für ihren literarisch herausragenden Roman »Eine Nebensache« zugesprochen worden. Doch die Zeremonie auf der Frankfurter Buchmesse Ende Oktober durfte nicht mehr stattfinden. Denn schon zwei Tage nach dem terroristischen Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober hat ein deutscher Literaturkritiker namens Carsten Otte keine anderen Sorgen gehabt, als die Preisverleihung an Shibli, die Palästinenserin ist, zu skandalisieren – sie wäre, behauptete er, „kaum auszuhalten“. Ottes damaliger Text bleibt ein Tiefpunkt des Kulturjournalismus und ich bin der Meinung, dass dieser Artikel ebenso wie etliche Folgeartikel in anderen sogenannten deutschsprachigen Qualitätsmedien, die damals auf denselben Zug aufsprangen, zu jenen gehört, die man ihren Verfassern nicht durchgehen lassen sollte. Deswegen erinnere ich daran.
Carsten Otte schrieb damals allen Ernstes von »Räumen des Ressentiments, die die Grundlage für Hassverbrechen abgeben« und denen die Messeleitung entgegentreten müsse. Seine Kollegin Mara Delius schrieb in der Welt, der Roman bediene antisemitische Klischees, ein Vorwurf, den man nicht nur behaupten, sondern belegen können sollte. Es wurden viel zu viele solcher Sätze geschrieben, Sätze, die man in jedem anderen Zusammenhang als Beispiele für Diffamierung, Propaganda und hemmungslose Hetze erkennen würde. Adania Shiblis Name stand in Schlagzeilen immer wieder neben den Wörtern »Antisemitismus« und »Israelfeindlichkeit«.
Die Schriftstellervereinigung PEN Berlin, die ich mitgegründet und damals noch geleitet habe, warnte vor einer Absage der Preisverleihung mit dem Argument, dass kein Buch durch politische Ereignisse besser oder schlechter, mehr oder weniger preiswürdig werde. Aber es war vergeblich. Noch die vernünftigsten, gemäßigtsten Menschen in Deutschland waren der irrationalen Meinung, dass eine Preisverleihung an eine palästinensische Autorin zum damaligen Zeitpunkt leider nicht möglich sei. Ich fragte sie und mich, ob nach einem Terroranschlag des »Leuchtenden Pfades« einer peruanischen Autorin, nach einem Terroranschlag der PKK einer kurdischen Autorin ein vorher zugesprochener Preis nicht mehr verliehen hätte werden können. Und wenn man das mit Nein beantwortet, dann hätte es auch im Fall von Adania Shibli niemals geschehen dürfen – dass ein Roman, dass eine Schriftstellerin unverhohlen in die Nähe von Mördern und Terroristen gerückt wird.
Der andere Fall, an den ich heute noch einmal erinnern will, weil er mir als beklemmendes Beispiel für um sich greifende moralische Panik und einen erschreckenden Mangel an Großzügigkeit und Toleranz erscheint, ist jener des jungen und begabten Berliner Journalisten Fabian Wolff. Sie spielt im Sommer 2023, also noch vor dem 7. Oktober, aber gab schon einen Vorschein auf die Aggressionen, die in letzter Zeit in Deutschland und Österreich verlässlich ausbrechen, sobald es um Juden, Antisemitismus und Israel geht.
Wenn Sie hier in Österreich, wo man den Fall vielleicht nicht so parat hat, den Namen googlen, werden Sie sogleich auf die Wörter »Hochstapler« und »Kostümjude« stoßen, aber beide Begriffe sind falsch, denn sie gehen vom Vorsatz, von der Täuschungsabsicht aus. Dabei bestand das »Verbrechen« des Fabian Wolff nur darin, seiner alleinerziehenden Mutter geglaubt zu haben, die ihrem einzigen Kind eine jüdische Abstammung angedeutet hatte. Alles, was darüber hinaus geschah, ist leicht zu erklären: Ein junger Mann, der sein Sprach- und Formuliertalent entdeckt und sich in die digitalen Schlachten wirft, durchaus voller Hochmut und der Bereitschaft, andere abzukanzeln. Der sich in der auch damals schon neuralgischen Debatte um Israel und Palästina auf die Seite der progressiven Juden stellt, die die jahrzehntelange Besatzungspolitik Israels kritisieren und für die Selbstbestimmung der Palästinenser eintreten. Der außerdem – und das hat zugegebenermaßen mich und andere mit einer vergleichbaren Familiengeschichte fasziniert – über ein Phänomen schreibt, das seit dem Ende des Kalten Kriegs ziemlich in Vergessenheit geraten ist: Dass Juden, sobald sie Religion und Tradition verließen, sich oft vom Kommunismus besonders angezogen fühlten, weil er ihnen am ehesten eine gleichberechtigte Welt für alle zu versprechen schien.
Das galt schon am Ende des 19. Jahrhunderts und vor dem Holocaust, aber mindestens so stark direkt danach, wenn sie, wie etliche meiner Verwandten, aus der Emigration nicht nach Israel, sondern in ihre Herkunftsstaaten zurückkehrten – und das eben nicht als Juden, sondern als politische, der Linken verpflichtete Menschen tun wollten. Mit der Gründung Israels 1948 änderte sich auch hier etwas Entscheidendes: Plötzlich konnten sich sogar Juden mit einem Nationalstaat identifizieren, als einer dritten Möglichkeit neben der Religion auf der einen und einer politischen Richtung, die das Leben in der Diaspora erleichtern sollte, auf der anderen Seite. Erst heute, angesichts der umfassenden Verwüstung Gazas und der schockierenden Kriegsverbrechen, die in keiner Proportion zu seiner Selbstverteidigung stehen, verliert die Idee des Judenstaates zum ersten Mal ihre Anziehung auf viele Juden in aller Welt. Das erzeugt einen enormen jüdischen Schmerz und gleichzeitig eine riesige Herausforderung für das jüdische Selbstverständnis der Zukunft. Ich würde mir wünschen, dass all die Nichtjuden auch das einmal wahrnehmen, wenn sie sich so leidenschaftlich für eine rassistische und mörderische israelische Regierung in die Bresche werfen, weil sie offenbar glauben, so die Verbrechen ihrer Großelterngeneration sinnvoll sühnen zu können.
Aber zurück zu Fabian Wolff – als sich nach Archivrecherchen herausstellte, dass seine inzwischen verstorbene Mutter ihre jüdische Abstammung wohl einfach erfunden hatte, machte er das selbst öffentlich. Seiner Enthüllung folgte etwas, was mit »Sturm der Entrüstung« nur unzulänglich beschrieben ist: nämlich die bis heute anhaltende Hinrichtung seiner öffentlichen Person. Und nein, ich übertreibe nicht und werde es gleich begründen. Anders als frühere falsche Juden wie etwa jener Schweizer, der sich als Schriftsteller Binjamin Wilkomirski nannte oder die deutsche Bloggerin Marie Sophie Hingst (die tragischerweise nach ihrer Enttarnung Selbstmord verübte) hatte Fabian Wolff keine herzzerreißenden KZ-Erinnerungen oder im Holocaust ermordete Verwandte erfunden; anders auch als der Hochstapler Wolfgang Seibert hatte er nicht jahrelang kaltblütig eine jüdische Gemeinde geleitet. Wolff hatte aus der Identität, an die er nachvollziehbarerweise glaubte – wer von uns wäre den Überlieferungen der eigenen Mutter gegenüber misstrauisch? – bloß die Berechtigung abgeleitet, sich bei sehr umstrittenen politischen Fragen mit hochgekrempelten Ärmeln in die digitale Wirtshausschlägerei zu stürzen. Nichts an seinen Positionen war anstößig, nichts hätte nicht ebenso gut von anderen jungen ostdeutschen Juden gesagt oder geschrieben werden können. Peinlich daran war nur, dass es unter dem Siegel der falschen Identität geschah, hochnotpeinlich in allererster Linie für ihn selbst. Man hätte damals medial auch darüber nachdenken können, warum für einen zum Schreiben talentierten jungen ostdeutschen Mann als zusätzliches Asset eine jüdische Herkunft wichtig war, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Vielleicht hätte das gute Schreiben allein für jemanden wie ihn, im Zivilberuf Lehrer, gar nicht ausgereicht, um Beachtung zu finden.
Die öffentliche Bestrafung der Person Fabian Wolff war drakonisch, wer sich dafür interessiert, kann es nachlesen. Der Selbstmord einer Ex-Freundin wurde ihm ebenso öffentlich in die Schuhe geschoben, wie man ihm einen Freitod wie den der Marie Sophie Hingst fast nahelegte, damit man auch mit ihm posthum Mitleid haben könne. Aber ich möchte auf nur einen Punkt verweisen, für den ich in Deutschland kein Äquivalent kenne: Die Süddeutsche Zeitung verkündete voller Stolz, alle Texte Wolffs »depubliziert«, also auch aus dem digitalen Archiv entfernt zu haben. Das Wort »depubliziert« habe ich damals zum ersten Mal gehört – wahrscheinlich eine typische Schriftstellerempfindlichkeit, aber mir klingt schon das Wort unangenehm technisch, eiskalt. Alle seine Texte – das meinte nicht nur solche, in denen Wolff in seiner angenommenen Eigenschaft als linker Jude sprach und die, gerechnet auf seinen journalistischen Output, in der absoluten Minderheit waren, sondern auch alle anderen – alle seine Musik- und Literaturkritiken, alle seine Kommentare und Feuilletons.
Der heute erst 36jährige Fabian Wolff hat in Deutschland seither de facto Publikationsverbot, nicht weil es jemand verfügt hat, sondern weil sich alle daran halten; er darf keine neuen Platten mehr für Radiosender besprechen, keine einzige Zeitung gibt ihm mehr einen Auftrag für Buchkritiken. In zumindest einem Fall weiß ich von einer österreichischen Publikation, die ihn abgelehnt hat; nicht, weil er ein schlechter Autor wäre, sondern, weil die Beschäftigung eines angeblichen Hochstaplers und Kostümjuden als anstößig gilt, genau wie er selbst als Person. Die jüdische Historikerin Miriam Rürup sagte im Wolff-Skandal-Sommer so spitz wie treffend: »Früher wurde man depubliziert, weil man zu jüdisch war, heute, weil man zu wenig jüdisch ist«.
Verstehen Sie, warum ich Ihnen diese beide Geschichten erzählen wollte? Ich glaube, dass etwas ganz grundsätzlich faul geworden ist in unserem vermeintlich demokratischen, vermeintlich liberalen Gebälk. Wir als Gesellschaft geben ständig unseren hässlichen Affekten nach und glauben immer noch, das Richtige und Gute zu tun. Aber wir können nicht nur auf die anderen zeigen und uns selbst für die makellosen Träger weißer Westen halten. Oft muss ich an den Satz von Barack Obama denken, der, nachdem Donald Trump zu seinem Nachfolger gewählt worden war, die schwere, bedrückende Frage stellte: »What if we were wrong?«
Mit größtmöglicher Demut und Dankbarkeit nehme ich in diesen politisch schweren, ja verstörenden Zeiten diesen Preis an, den Sie mir für Toleranz in Denken und Handeln zugesprochen haben. Ich glaube, wir alle müssen sorgfältig die Geschichten, denen wir täglich begegnen und die auf den ersten Blick moralisch eindeutig aussehen, so lange drehen und wenden, bis wir wenigstens eine winzige Veränderung von Licht und Schatten entdeckt haben, eine, die nicht unseren festgefügten Vorannahmen entspricht.
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