Debi Cornwall: Kriegsspiele

von Christina Töpfer

»Bilder der Auseinandersetzung« 2|26: Strategien amerikanischer Mythenbildung.


334 wörter
~2 minuten
Debi Cornwall, Judgment Scenario 1. A Border Patrol trainee advances toward an unknown threat during a firearms judgment training exercise, U.S. Border Patrol Academy. Artesia, New Mexico, 2023, aus: Model Citizens (Radius Books, 2024).

Model Citizens nennt Debi Cornwall ihre Fotoserie und gleichnamige Publikation (Radius Books, 2024), in der sie Szenen in den Blick nimmt, die eine eindeutige Zuordnung von Realität und Fiktion nicht immer zulassen.

Cornwall, die zwölf Jahre lang als Bürgerrechtsanwältin tätig war, bevor sie sich ab 2014 ausschließlich der Fotografie widmete, begibt sich in jene Bereiche des amerikanischen Alltags, in denen Macht ausgeübt, repräsentiert, vor allem aber inszeniert wird. Dafür bringt sie drei Welten zusammen und arbeitet heraus, wie Rollenspiele, Inszenierung und Storytelling die amerikanische Gesellschaft definieren. Schauplätze der Bilder sind eine Ausbildungsstätte für Grenzpolizisten in Artesia, New Mexico, Wahlkampfveranstaltungen der MAGA-Bewegung im Vorfeld der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2024 sowie Exponate aus historischen Museen, in denen die US-amerikanische Geschichte als Heldenerzählung vermittelt wird.

Beim Betrachten der Fotografien sind wir immer wieder mit Formen der Verkörperung und des (Re-)Enactment konfrontiert – so baut das sechsmonatige Training zukünftiger Grenzschutzbeamter, welches der Zoll- und Grenzschutzbehörde der Vereinigten Staaten unterstellt ist, auf dem Zusammenspiel der Auszubildenden und Zivilpersonen (sogenannten »cultural roleplayers«) auf. Simuliert werden geskriptete Szenen, die den Arbeitsalltag der späteren Grenzschutzbeamten potenziell prägen werden und die eine Gefahr für die nationale Sicherheit und Integrität darstellen: Festnahmen, Schusswechsel, Verhöre und vieles mehr.

Was die Bilder der Model Citizens auf subtile und zugleich unbehagliche Weise auszeichnet, ist der übertrieben in Szene gesetzte autoritäre Nationalismus, der nicht nur für die USA symptomatisch ist. Die verschiedenen, in den von Debi Cornwall dokumentierten Szenen sichtbaren Strategien nationaler Mythenbildung tragen dazu bei, den gewaltsamen Umgang mit »dem Anderen« zu normalisieren. Cornwall lädt uns ein, nicht nur hinter die emotional aufgeladenen Kulissen eines »great again« Amerikas zu blicken, sondern auch zu fragen, inwiefern diese über die USA hinaus wahrnehmbare politische Tendenzen widerspiegeln.

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