Das neue Jahr war noch keine Woche alt, als schon wieder eine Frau von ihrem Lebensgefährten getötet wurde. Nur vier Tage später folgte der nächste Frauenmord. Österreich hat seit Jahren eine der höchsten Femizid-Raten in der EU. 2025 wurden hierzulande laut Statistik der Autonomen Frauenhäuser 15 Femizide verübt, im Jahr davor sogar 29.
Diese Zahlen bilden nur die Spitze des Eisbergs. Der weitaus größte Anteil von Gewalt gegen Frauen bleibt in veröffentlichten Zahlen unsichtbar. Die polizeiliche Kriminalstatistik bildet nämlich nur die angezeigten Fälle ab, die gerichtliche Statistik lediglich die Verurteilungen. Umso wichtiger sind die Daten aus einer EU-weiten Erhebung zu geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen. Sie bilden dramatische weibliche Lebensrealitäten ab: Jede vierte Frau berichtet von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, jede sechste von Gewalterfahrungen in intimen Beziehungen. Sieben Prozent der Befragten erlebten schon in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt.
Gewalt gegen Frauen ist nicht nur individuelles Schicksal, sondern tief in gesellschaftlichen Machtverhältnissen verankert: Patriarchale Rollenbilder, ökonomische Abhängigkeiten und eine Kultur der Normalisierung toxischer Männlichkeit bilden den Nährboden dafür. Männliche Kontroll- und Besitzansprüche werden durch ein System verstärkt, das Frauen in ökonomische und soziale Positionen drängt, die ihre Freiheit und Selbstbestimmung einschränken.
Dass die Erhebung zu geschlechtsspezifischer Gewalt in Österreich nicht gesetzlich abgesichert ist, sondern vom politischen Willen abhängt, zeigt ein weiteres Problem: Was nicht in Zahlen gegossen wird, gilt politisch wenig. Die Finanzierung für die nächste Erhebungswelle 2027 ist noch ungewiss. Wer Gewalt aufzeigen möchte, muss sie messen – und wer sie beenden will, muss die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern, aus denen sie hervorgeht.
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